Von der Grenze zum Sudan über Bahir Dar nach Gonder

Die Sonne steht gerade noch zwei handbreit über dem Horizont. Eine
schmale Brücke überspannt ein trockenes Flussbett. Große Bäume werfen
lange Schatten auf kleine windschiefe Lehmhütten. Menschen gehen auf und
ab, viele Menschen.
Wir halten unter einem der großen Bäume und steigen aus dem Wagen.
Einige Menschen bleiben stehen, schauen uns an und zeigen auf eine der
Hütten. Die steht etwas abseits, ist angemalt in kräftigem Lila und
Grün, hier und da gibt ein Loch im Lehm den Blick frei auf die einfache
Konstruktion aus senkrecht stehenden, unbehauenen Ästen. Ein Trampelpfad
führt zu der Hütte hin. Hühner weichen gackernd auseinander als wir den
Hof betreten. Auf dem Boden kauert eine Frau, bereitet Kaffee über einem
kleinen Feuer. Sie trägt ein enges Oberteil aus grünem Stoff und kein
Kopftuch verbirgt ihr in schmale Zöpfe gelegtes schwarzes Haar. Sie
bittet uns in nach drinnen, nimmt hinter einem großen Schreibtischplatz
und fragt nach unseren Pässen: Willkommen in Äthiopien!
Die Wände der Hütte sind dekoriert mit bunten Kalendern, einer wirbt für
Bier, ein anderer für Kondome, die teuersten gefühlsecht, vier Stück
drei Birr (0,27 €) (beides undenkbar nur 100 Meter weiter westlich,
jenseits des Flussbetts im Sudan). In Äthiopien ist alles anders!
Die Wandkalender zeigen den 27.5.1999. Die äthiopisch - orthodoxe Kirche
datiert Christi Geburt ins Jahr sieben unserer Zeitrechnung. Das Jahr
wird in 13 Monate eingeteilt und beginnt am 11. September. Die Wanduhr,
batteriebetrieben, zeigt 10:00 Uhr. Der Tag beginnt hier bei
Sonnenaufgang und nicht, wie bei uns, um Mitternacht. In Äthiopien ist
alles anders!
In der arabischen Welt waren wir es gewohnt, nach dem eingehenden
Studium unserer Pässe nach unseren Vornamen gefragt zu werden, die
Nachnamen wurden nach den Angaben im Pass ergänzt. So hieß ich meist
Karl Bernhard und Tanja, die keinen zweiten Vornamen hat, meist Tanja
Deutsch, gelegentlich auch Tanja Nordheim (unsere frühere
Heimatgemeinde) oder Tanja Hoger (ihr Geburtsname). Hier stellt man
keine Fragen und entscheidet sich für GEB. (Hoger).
Die Grenzformalitäten sind schnell erledigt. Es werden keine Gebühren
erhoben. Die Zollbehörde, in den arabischen Ländern die höchste Hürde
für die Einreise mit dem eigenen Fahrzeug, befindet sich hier knapp 40
km landeinwärts. Niemand inspiziert unser Fahrzeug, die Eintragungen in
den Büchern werden nach unsern Angaben vorgenommen und zuletzt bietet
man uns den Zollhof an als ruhigen Standplatz für die Nacht.
Die holprige Piste windet sich über schroffe Hänge und durch tiefe Täler
auf eine Höhe von über 2200 m. Es gibt kaum Verkehr. Selbst der in der
arabischen Welt obligatorische Eselskarren und das in den Nuba - Bergen
im Sudan häufig gesichtete Fahrrad scheinen hier unbekannt zu sein und
die wenigen Busse, die diese Strecke bedienen, liegen eher mit einer
Panne am Straßenrand, als dass sie unser Fortkommen behindern würden.
Die vielen Menschen hier sind zu Fuß unterwegs, ewig auf der
Wanderschaft, von hier nach da und keiner weiß wohin, manche gebeugt,
den schmalen Rücken voll gepackt mit Holz, manche gestreckt und
scheinbar ohne Ziel. Holz scheint das Thema dieser fremden Welt , wird
überall gehandelt, braucht man es doch zum Kochen und für die kalte
Nacht und auch zum Bau der runden Hütte für den Clan.
Nach 220 rauen Pistenkilometern erreichen wir die Asphaltstraße südlich
von Gonder. Wir wedeln hinab zum Grund des riesigen Vulkankraters, hinab
zum Tana - See, dem größten See des Landes. Bahir Dar ist unser
Ziel und als wir nach weiteren 160 km dort eintreffen ist diese grüne
Stadt das Paradies, das gelobte Land, das Ende der Durststrecke. Die
Luft ist reich vom Geruch der tausend Blüten, alles schmeckt süß und
dieser Duft gibt unserem Leben Tiefe, ist die nach einem guten
Vierteljahr schon lang verlorne Vierte Dimension.
Wer campen im Garten des Ghion Hotels und ordnen unsere Gefühle. Seit
Wochen haben wir nicht mehr so viele weiße Menschen gesehen, aber auch
für die Einheimischen ist das Hotel ein beliebter Treffpunkt und fast
täglich findet hier eine Hochzeit oder ein Abendessen für die
Angestellten der örtlichen Verwaltungsbehörden statt. Wir lernen viele
interessante Menschen kennen, erfahren, dass für ihr Land engagierte
Menschen in Äthiopien ein sehr differenziertes Weltbild haben und in der
Lage sind, das auch in hervorragendem Englisch zu vermitteln und werden
mit dem uns inzwischen fremd gewordenen hektischen Rhythmus der
westlichen Welt konfrontiert, als wir Daniel aus Frankfurt am Main
treffen, der für seine Hilfsorganisation „Street Kids International“ mit
einem knapp kalkulieren Zeitplan unterwegs ist nach Tansania.
Natürlich lassen wir uns auch die weltbekannten Attraktionen dieser
Gegend nicht entgehen, die Kirchen und Klöster auf den Inseln des Tana -
Sees und die Fälle des Blauen Nil, der hier (die Wissenschaftler
streiten darüber wo genau) seinen Ursprung hat, und verbringen die
warmen Tage mit der Beobachtung von Vögeln und Nilpferden und die Nächte
mit Live - Musik in einer der zahlreichen Kneipen in der Stadt oder mit
Diskussionen am Lagerfeuer im Garten des Hotels.
Wir verbringen 10 Tage in dieser inspirierenden Umgebung, pflegen unsre
Seelen und lassen unser Auto pflegen und fahren dann wieder zurück nach
Norden (im Sudan hatten wir uns schon bis auf 10° den Äquator genähert
(zum Vergleich: unsere Heimatgemeinde Leingarten bei Heilbronn a.N.
liegt etwa auf dem 49. Breitengrad) und entfernen uns jetzt wieder viele
100 km von unserem Ziel Kapstadt). Hinter Gonder mit seinen Palästen aus
dem 17. Jahrhundert erwartet uns die dramatische Bergwelt der Simien -
Mountains. Hier wurde ein Nationalpark eingerichtet, der, wenn auch bar
sonstiger Infrastruktur, einige Stellplätze für Zelte bietet. Zwei davon
sind mit dem Auto erreichbar. Wir haben vor, einige Tage dort zu
verbringen und müssen deshalb Vorräte an Wasser und Lebensmitteln laden.
Das gestaltet sich nicht ganz einfach, hat doch kaum einer der Läden,
Buden und Marktstände in der Stadt auch nur annähernd die benötigten
Mengen vorrätig. Hier freuen wir uns über die vielen hilfreichen Hände,
die aus der erdrückenden Not der Arbeitslosigkeit (von rund 40%) eine
Tugend machen und in geschliffenem Englisch ihre Dienste anbieten und
gegen einen angemessenen Lohn das angeforderte Material in der Stadt
zusammentragen (vergleiche auch Exkurs: „You never
walk alone“)…