Die Danakil, die Entführung und was das alles mit uns zu tun hat

Grafik: dpa
Die Wüste Danakil liegt im Nordosten Äthiopiens und erstreckt sich
bis in das Staatsgebiet Eritreas und Dschibutis. Die Gegend gilt als
eine der heißesten und lebensfeindlichsten der Erde, aber auch als eine
der vulkanischen aktivsten und man hört sagenhafte Geschichten von
farbigen heißen Quellen und unwirklichen Landschaften. Einer der
Vulkankrater soll den einzigen permanenten Lavasee der Welt beherbergen,
groß wie ein Fußballfeld. Es gibt mehrere große Salzseen, die bis zu 130
m unter dem Meeresspiegel liegen.
Die Bewohner dieser Landschaft nennen sich Afar und leben noch heute zum
großen Teil als Nomaden. Seit Jahrhunderten bauen sie Salz ab und
schaffen es mit Kamelen auf die Märkte des äthiopischen Hochlands. Große
Kamelkarawanen gehören hier zum gewohnten Bild. Die Afar gelten als
stolz und kriegerisch und es gibt grausige Berichte über ihre noch bis
in jüngste Zeit geübte Praxis, ihre Opfer zu kastrierten. Seit Anfang
der 1990er Jahre ist eine Separatistenorganisation aktiv, die für die
Errichtung eines autonomen Afar - Staats kämpft.
Reisepraktische Informationen sind schwer erhältlich. Der
englischsprachige Reiseführer „Lonely Planet“, die „Bibel des
Individualtouristen“, widmet der Danakil weniger als eine halbe Seite
und das deutsche Pendant aus dem Reise Know –How Verlag schließt einen
Absatz über die Region mit den Worten: „…wer vor dem Abenteuer Danakil
nicht schon jetzt zurückschreckt, muss sich [hier] mit den Afar
arrangieren und auf eines ihrer Kamele umsteigen“.
Es gibt aber durchaus touristische Aktivitäten in der Gegend.
Überwiegend französische Agenturen scheinen sich darauf spezialisiert zu
haben, Abenteurer in die Danakil zu führen. Sie arbeiten dabei mit
äthiopischen Veranstaltern zusammen, die die notwendigen Geländewagen
nebst Personal zur Verfügung stellen. Ziel der meisten Trips ist der
Dalol, einer der großen Salzseen der Senke, kaum 20 km entfernt von der
Grenze zu Eritrea. (Eritrea hatte sich erst 1993 nach einem über 30
Jahre andauernden Krieg gegen Äthiopien zu einem unabhängigen Staat
erklärt, 1998 bis 2000 war es erneut zu kriegerischen
Auseinandersetzungen gekommen und auch heute noch flammen immer wieder
Streitigkeiten um den Grenzverlauf auf). Das Grenzgebiet steht unter
Beobachtung einer Spezialeinheit der UN (UNMEE) und überall im Norden
Äthiopiens kann man die Geländewagen der Organisation umherfahren sehen.
Trotzdem besteht keine offizielle Reisewarnung für diese Zone und das
Auswärtige Amt in Berlin beschränkt sich auf seiner Webseite auf die
Empfehlung, vor Reisen in die Afar – Region Rat bei der deutschen
Botschaft in Addis Abeba einzuholen. Seit Mitte der 1990er Jahre war es
nicht mehr zu Übergriffen auf Touristen gekommen.
Wir fahren nach Mekele, der Hauptstadt der westlich an die Afar - Region
angrenzenden Provinz Tigray. Hier befindet sich das Hauptquartier der
UNMEE und ein Büro eines Tour Operators für Expeditionen in die Danakil.
Mr. Kelem, Leiter des Büros, erklärt uns die Bedingungen: Wir brauchen
einen Reiseerlaubnisschein, den er für uns besorgen kann. Einen Führer
und einen bewaffneten Mann von Stamm der Afar müssen wir an Bord nehmen,
außerdem einen Mann von seiner Organisation, der vorwiegend als
Dolmetscher eingesetzt wird. Zudem müssen Lebensmittel und Wasser
geladen werden, 6 l pro Person und Tag. Insgesamt addiert sich die
Zuladung auf fast eine halbe Tonne - zu viel selbst für unseren starken
Wagen.
In der Stadt machen wir uns auf die Suche nach anderen Touristen, um die
Lasten und Kosten zu verteilen. Wir entdecken drei Franzosen, die am
folgenden Tag in die Danakil aufbrechen wollen. Wie sich herausstellt
sind sie noch nicht im Besitz der erforderlichen Permits, ihr Afar -
Führer verfügt aber zu Beziehungen zu den Behörden und verspricht uns,
sich auch um unsere Papiere zu bemühen.
Am nächsten Morgen treffen wir die kleine Gruppe in der Lobby ihres
Hotels. Ratlose Gesichter studieren Landkarten und Reiseführer. Es geht
das Gerücht, 50 französische Touristen seien am Dalol von Soldaten aus
Eritrea entführt worden. Es ist Feiertag, Jahrestag der Schlacht von
Adua (1896 hatten dort äthiopische Truppen die technischen weit
überlegene Kolonialarmee Italiens vernichtend geschlagen, eine Tatsache,
die erheblich dazu beitrug, dass Äthiopien das einzige Land auf dem
afrikanischen Kontinent blieb, das nie kolonialisiert wurde) und so ist
das Büro der UNMEE geschlossen und das äthiopische Fernsehen - es gibt
nur einen Kanal - scheint sich heute ausschließlich mit den
Feierlichkeiten zum Jahrestag zu beschäftigen.
Irgendetwas scheint dran zu sein an dem Gerücht: Im Internet finden wir
schließlich einen Artikel in dem von einer Entführung in der Region die
Rede ist. Zehn französische Touristen seien mitsamt ihren Fahrzeugen und
Begleitern spurlos verschwunden. Das reicht. Auch wir ändern unsere
Reisepläne und fahren am nächsten Tag weiter nach Lalibela…
Der Rest der Geschichte ist sicherlich in Europa besser bekannt als hier
vor Ort. Die vorerst letzte Version liest sich etwa wie folgt:
Die
französische Reisegruppe hatte wegen eines technischen Defekt nicht wie
vereinbart Kontakt mit ihrem Reiseveranstalter aufnehmen können und galt
deshalb vorübergehend als vermisst. Eine Entführung hatte aber offenbar
doch stattgefunden: fünf Mitarbeiter der britischen Botschaft und acht
(oder 13?) einheimische Begleiter sein am Dalol verschleppt worden. Ihre
zerstörten Fahrzeuge habe man inzwischen gefunden, über die Hintergründe
ist aber weiterhin nichts bekannt.
Wir bleiben wachsam…
In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erscheint am 05.03.2007 folgender Artikel:
Britische Diplomaten nach
Eritrea entführt
Aus der äthiopischen Danakil-Wüste „in ein Militärlager“ /
Gebremeskel: Wahnsinn
tos. JOHANNESBURG, 4. März. Die Entführung europäischer Urlauber in der
äthiopischen Danakil-Wüste entwickelt sich zu einer Staatsaffäre mit
britischer, äthiopischer und eritreischer Beteiligung. Nach anfänglicher
Verwirrung über die Zahl und Nationalität der Verschleppten steht
nunmehr fest, dass es sich bei den Entführten um fünf britische
Staatsbürger, drei Männer und zwei Frauen, handelt. Die Opfer seien
Diplomaten der britischen Botschaft in Addis Abeba beziehungsweise
Angehörige von Diplomaten, die zusammen mit 13 Äthiopiern (Fahrer,
Übersetzer und Wachpersonal) nach Eritrea verschleppt worden sein
sollen. Die Urlauber werden seit Mittwochabend vermisst. Fünf der sie
begleitenden Äthiopier waren am Sonntag von der Armee nahe der Grenze zu
Eritrea aufgegriffen worden. Allerdings wurden keine Angaben darüber
gemacht, ob die fünf fliehen konnten oder von den Geiselnehmern
freigelassen worden waren. Zuvor hatte es geheißen, dass eine
französische Reisegruppe mit sieben Personen ebenfalls vermisst werde.
Die Franzosen waren am Samstag indes wohlbehalten in der Regionalstadt
Mekele angekommen.
Das britische Außenministerium bestätigte mittlerweile, dass
Botschaftspersonal „gefangengehalten“ werde, ohne allerdings Angaben
über Ort und Geiselnehmer zu machen. In London hieß es, man arbeite „mit
Hochdruck“ an einer Freilassung der Diplomaten. Am Freitagabend waren
zehn Ermittler, darunter ein auf Verhandlungen mit Geiselnehmern
spezialisierter Polizist, von London nach Addis Abeba gereist. Nach
Angaben der Agentur, die die Reise der Briten in die Danakil-Wüste
organisiert hatte, seien die Fahrzeuge der Urlauber rund 50 Kilometer
von der eritreischen Grenze entfernt bei der Ortschaft Hamed Ela
gefunden worden. Der Präsident des Regionalrates von Afar, Ismail Ali
Sero, beschuldigte am Samstag eritreische Soldaten, die Briten entführt
zu haben. „Wir wissen, dass es Eritreer waren“, sagte Sero der
Nachrichtenagentur AFP. Seinen Angaben nach waren die Geländewagen der
Reisegruppe zerstört worden, mutmaßlich mit Panzerfäusten. Anschließend
seien die Briten zu Fuß nach Eritrea verschleppt worden, wo sie in einem
Militärlager festgehalten würden.
Weder die britische noch die äthiopische Regierung wollten entsprechende
Meldungen bestätigen. Der Kabinettssprecher des eritreischen Präsidenten
Issaias Afeworki, Yemane Gebremeskel, nannte die Anschuldigungen
„Wahnsinn“. Der äthiopische Botschafter in London sagte, man sei zum
gegenwärtigen Zeitpunkt nicht darauf aus, „mit dem Finger auf andere zu
zeigen“. Eritrea und Äthiopien hatten von 1998 bis 2000 einen Krieg um
den Verlauf der gemeinsamen Grenze geführt. Eine internationale
Schiedskommission hatte 2002 über den endgültigen Grenzverlauf
entschieden, gleichwohl weigert sich Äthiopien, diesen anzuerkennen.
3000 UN-Soldaten überwachen seither die Grenze. Im vergangenen Jahr
hatte Eritrea mit einem neuen Krieg gedroht, sollte Äthiopien die
Demarkation der gemeinsamen Grenze weiter aufschieben.