Höllenfahrtkommando - Eine Busfahrt in Äthiopien

Jesus Christus sitzt da und beobachtet aufmerksam die holprige Piste,
die sich hier durch die dramatische Bergwelt im Norden Äthiopiens
schlängelt. Ein wenig Trauer über den Zustand dieser Welt mag um seine
Augenwinkel spielen und vielleicht denkt er gerade darüber nach, ob hier
wohl noch irgendwas zu retten ist, Angst oder irgend eine andere Form
von Erregung ist aber mit dem besten Willen nicht aus seinen
Gesichtszügen abzulesen. Das mag daran liegen, dass Jesus eben über den
Dingen steht, oder eben doch daran, dass er - auf ein Stück Pappe hinter
dem Fahrersitz gemalt - zur Untätigkeit verurteilt ist.
Der Mann vor ihm jedenfalls ist aus Fleisch und Blut, springt wie ein
kleiner Teufel auf seinem Sitz hin und her, grimassiert wild, als wolle
er alle guten Geister verlassen, umklammert mit beiden Händen das
Lenkrad und hat nur selten eine Hand frei, um sich den Schweiß von der
Stirn zu wischen.
Seine Fracht: 57 ausgewachsenen Menschen, 55 schwarze und zwei weiße,
einige Kinder und Jesus natürlich, und diejenigen, die nicht aus Pappe
sind, starren durch angstgeweitete Pupillen in den Abgrund, der sich in
jeder Haarnadelkurve vor oder neben ihnen auftut, versuchen verzweifelt,
sich auf ihren Sitzen zu halten, bekreuzigen sich und beten oder legen
sich Kotztüten zu Recht - nur diejenigen, die sich mit ganz besonders
viel Gottvertrauen auf die Reise gemacht haben, schließen die Augen,
legen ihren Kopf auf die Schulter des Nebenmanns und schlafen den Schlaf
der Gerechten, während der klapprige Bus zu Tale fliegt.
Dabei hatte alles so harmlos angefangen. Zu nachtschlafender Zeit hatten
wir uns zum Busbahnhof von Mekele begeben, um die erste der drei
Tagesetappen anzutreten, die uns die knapp 800 km nach Süden zurück nach
Addis Abeba führen sollten. Geduldig hatten wir gewartet, bis sich der
Bus bis auf den letzten Platz gefüllt und sich schließlich bei
Sonnenaufgang tatsächlich in Bewegung gesetzt hatte. Die ersten
Serpentinen, noch auf Asphalt, hatte der Fahrer mit routinierter
Gelassenheit genommen und wir waren schon dabei gewesen, uns in den
engen Sitzreihen zwischen Körpern und Gepäckstücken gemütlich
einzurichten, als mit dem Ende der Ausbaustrecke die Höllenfahrt
begonnen hatte.
Fahrer und Schaffner verständigen sich mit Handzeichen - im Bus ist es
so laut, dass man das eigene Wort nicht versteht. Sechs Ziegenhirten
wollen zusteigen und tatsächlich bringt der Fahrer das schon außer
Kontrolle geglaubte Gefährt zum Stillstand. Den Männern ist ihr Beruf
nicht nur anzusehen und so stecken sich diejenigen, die sich nicht schon
vorher zum Schutz vor dem beißenden Staub in der Kabine vermummt hatten,
Papierschnipsel in die Nasenlöcher. Die sechs finden auf dem Boden Platz
und für einige von ihnen zerrt man hastig einige handgeschnitzte Hocker
unter den Sitzbänken hervor.
Die Pause wird genutzt: Zu unseren Füßen werden zwei Bleche beiseite
geschoben und schon liegt der Bordmechaniker bäuchlings auf dem Boden,
um einige Schrauben an der Antriebswelle nachzuziehen. Zwei Reihen
hinter uns schreit jämmerlich ein Säugling, bis die Mutter die volle
Brust entblößt um ihn zu stillen. Menschen quetschen sich das durchs
Gewühl, einige versuchen ein wenig frische Luft zu schnappen, bis die
Fliehkraft alle wieder zurück in ihre Sitze presst. Menschen und Tiere
auf der Fahrbahn werden mit der Macht des Presslufthorns auf dem Dach
davon überzeugt, dass es besser ist, dem rasenden Gefährt Platz zu
machen und auch ein umgestürzter Bus, dessen Überreste mitten auf der
Fahrbahn liegen, ist kein Anlass die Fahrt zu verlangsamen, bis des
Mechanikers geschultes Ohr ein ungewohntes Geräusch wahrnimmt und der
Fahrer das Fahrzeug erneut zum Stillstand bringt. „Shinte Yalluh –
Pinkelpause“, ruft der Schaffner und alle drängen nach draußen - die
Männer aufs offene Feld, die Frauen hinter einige große Opuntien in der
Nähe - während sich der Mechaniker in den Staub wirft und sich mit
schwerem Gerät am Fahrwerk zu schaffen macht. Ein Stabilisator am linken
Vorderrad ist abgebrochen, ein Teil dick wie ein Unterarm. „Chikri
Yellem – Kein Problem!“ lacht der Schrauber und tatsächlich hat er das
gebrochene Teil in wenigen Minuten abmontiert. „In der nächsten Stadt
gibt es eine Werkstatt“, ergänzt er, bevor die Fahrt in unvermindertem
Tempo fortgesetzt wird, „da kann man das Ding ersetzen.“
Könnte man. Aber in der Pause dort fallen andere Reparaturarbeiten an
und der Fahrer drängt zur Weiterfahrt: „ Geht ja jetzt auf Asphalt
weiter.“
Tatsächlich erreichen wir ohne weitere Zwischenfälle nach insgesamt
sieben Stunden unser erstes Etappenziel. Ein knappes Drittel ist
geschafft. Unsere Gesichtszüge entspannen sich.
Und Jesus bleibt aufmerksam. Hoffentlich.