Dass wir immer noch so leichtgläubig sind. Und das nach neun Monaten
in Afrika. Und jetzt stehen wir da, auf 1350 m und der Berg neben uns
ist 2878 m hoch. Aber es ist nichts zu machen. Weiter hoch fährt auch
der Landcruisers nicht - die meisten anderen geben bei 1200 m auf.
So sind sie halt, die Burschen. Merken genau, was man hören will. Und
Denis, das alte Schlitzohr, hat uns erzählt, man könne rauf fahren bis
1800 m. „Dann sind's nur noch gut 1000 m zu Fuß. Das schafft ihr!“ Und
es hatte ja auch so verlockend geklungen. Allein schon der Name: „Ol
Doinyo Lengai – Der Berg Gottes“, der heilige Berg der Masai. Und wie am
jüngsten Tag soll’s da oben aussehen.
Tanja steigt aus. Ich zögere. Immerhin habe ich schon mal einen
Fünftausender bestiegen. Aber das ist lange her und die letzten neun
Monate - viel mehr als der gelegentliche Strandspaziergang war da nicht.
Und jetzt 1500 m? Und wie man hört ist das Gelände nicht einfach zu
begehen!
Um 10:20 Uhr geht’s los. Es ist stockdunkel, der Himmel bewölkt und der
Mond ist noch nicht aufgegangen. Den eigenen Rhythmus finden. Ruhig
atmen. Und es geht leichter als gedacht.
Bald wird es steiler. Den Rhythmus halten. Die Schritte kürzer. Es geht
gut voran. Wir machen Pause. „Ganz schön steil zum Teil“, sage ich zu
Denis. Der zeigt weniger psychologisches Gespür als noch beim
Verkaufsgespräch: „Es wird steiler“, meint er knapp.
Wenigstens lügt er diesmal nicht. Findet der Fuß mal einen Tritt, ist
dieser oft kniehoch. Dann das Geröll. Zwei Schritte vor und einen
zurück. Und dann der Sand, der Staub, die Asche. Dreck fressen. Der Rest
ist Psychologie. Autosuggestion. Was habe ich schon gekämpft im Leben.
Was hinter mich gebracht, um überhaupt hierher zu kommen. Jetzt
aufgeben, lächerliche vier Stunden vor dem Ziel?
Wir stolpern bergauf. Bald brauchen wir die Hände. Klamme Finger suchen
Halt im Berg. Voran, voran. 45 Grad Steigung hat auch Vorteile: 1 m
waagerecht heißt 1 m senkrecht und dass, soweit ich mich erinnern kann,
bei einer Gehstrecke von nur 1 m 41. Und das mal 1500. Ist doch fast gar
nichts. Und schließlich, die Taktik half schon oft im Leben: nur einen
Schritt noch. Einen Schritt, den schaff ich noch. Und noch einen, und
noch einen.
„45 Minuten noch“, sagt Denis. Ich kann es kaum glauben, befürchtete ich
doch, noch nicht einmal die Hälfte bewältigt zu haben. Aber es ist
unverkennbar: Es stinkt nach Schwefel, weit kann es nicht mehr sein.
Um 3:20 Uhr sind wir oben. Gespenstisch. Geister aus Lavastein ragen aus
dem Schwefeldampf. Und dann das Grollen, das Fauchen. Und danach der
Regen. Regen von Vulkanasche. Und der Gestank raubt einem fast den Atem.
Wir stapfen durch den Krater, knöcheltief durch kalte, weiße Asche. Wie
auf dem Dach einer riesigen Halle. Und unter uns die Hölle. Das Brodeln,
das Stampfen und bald ein Geräusch wie Meeresbrandung an einem
stürmischen Tag im Herbst in der Bretagne. Das ist der Höllenschlund.
Der spuckt und prustet, das Innere nach außen, Glutrot und jede Welle
lässt den Körper beben. Apocalypse now. Ich vergesse zu blinzeln bis die
Augen brennen, vergesse, den Mund zu schließen, bis alles nach Seife
schmeckt und stehe regungslos bis die Angst die Faszination besiegt.
Es ist bitterkalt. Wir suchen einen windgeschützten Platz am Rand des
Kraters und warten auf den Morgen. Die ersten Sonnenstrahlen enthüllen
eine Landschaft, wie am ersten Tag der Schöpfung. Bizarre Formationen,
weiß, rot, braun und schwarz, dazwischen Flüsse kalter Lava, verziert
mit toten Blumen aus Kristall. Das erste Paradies. Urgewaltig.
Um 8 der Abstieg. Oft rutschen, oft stolpern. Das kostet Kraft. Die Knie
zittern. Bald tragen die Beine kaum mehr. Kurz vor dem Ziel streckt mich
ein Krampf fast nieder.
Es ist 11:00 Uhr. Tanja empfängt mich humpelnd aber glücklich. Seit
siebenundzwanzig Stunden auf den Beinen. Mittags um vier ist Schluss.
Ich schlafe bis zum nächsten Morgen. Keine Träume mehr…
Ich bestieg den Ol Doinyo Lengai in der Nacht vom 10. auf den 11.7.2007.
Am 12. Juli trafen wir in Arusha ein.
In der folgenden Woche spüren wir immer wieder Erdbewegungen. Einmal
befinden wir uns in einem Haus, als die Wände wackeln. Wir verlassen
fluchtartig das Gebäude. Die Presse schweigt zunächst. Am 19.7.2007
titelt die englischsprachige kenianische Tageszeitung „Daily Nation“
(die in ganz Ostafrika verkauft wird): „Panik und Evakuierung - die
Beben schlagen wieder zu“. Die Titelseite ziert ein Bild von einem
Ausbruch des Ol Doinyo Lengai im Jahre 1967 und in der Bildunterschrift
wird erklärt: „Der Ol Doinyo Lengai ist der Ursprung der Erdbebenserie,
die Kenia und Tansania in den letzten sieben Tagen erschüttert hat“. Im
nachfolgenden Text wird berichtet, tausende Kenianer hätten die
vergangene Nacht im Freien verbracht, weil sie befürchteten, die Beben
könnten ihre Häuser zerstören. Die letzten Beben hatten eine Stärke von
6,1 auf der Richterskala. Hochhäuser wurden evakuiert und
Krankenhäuser, Rettungsorganisationen, die Feuerwehr und das Militär in
höchste Alarmbereitschaft versetzt. Die Regierung bemühte sich, die
Bevölkerung zu beruhigen, ließ aber doch vorsichtshalber einige ihrer
eigenen Büros evakuieren und musste einräumen, dass vier der fünf
Messgeräte, die im Land installiert sind, nicht funktionierten und die
einzige funktionierende Station ihre Daten an ein geologisches Institut
in den USA sendet, so dass man sich bei den Vorhersagen auf Analysen der
Amerikaner verlassen muss. Am nächsten Tag berichtet die tansanischen
Tageszeitung „The Citizen“, in der Region um den Ol Doinyo Lengai seien
zahlreiche Häuser zerstört, Pisten in Mitleidenschaft gezogen und sogar
ein Flusslauf unterbrochen worden. Die örtliche Bevölkerung lebte in
Angst, betete den Berg an, um die Götter sind zu besänftigen und wartete
bislang vergeblich auf Hilfe von außen. Die Region wurde für Touristen
gesperrt…