In sechs Tagen durch Libyen
Der tunesische Grenzbeamte gibt sich alle Mühe, den positiven
Eindruck, den sein Land bei uns hinterlassen hat, auf den letzten Metern
noch zu korrigieren. In harschen Ton forderte er einen Dinar, etwa 0,60
€, für eine Wertmarke auf einem Zolldokument. In Landeswährung. Die
Ausfuhr tunesischer Dinare ist verboten und so hatten wir zuvor unser
Restgeld auf dem Schwarzmarkt in libysche Dinare getauscht. Libysche
Dinar der wollen wie er ihm nicht anbieten. Der Einfuhr ist verboten.
Dollar und Euro will der Mann nicht akzeptieren: „Schaut, wie ihr an
tunesische Dinare kommt“, schnauzt er und lässt uns stehen.
Schon bei den Passkontrollen hatten wir für Unregelmäßigkeiten gesorgt:
kein Visum für Libyen! Unsere Pässe waren von einer Hand in die andere
gewandert, waren durch eine Türe verschwunden, durch eine andere wieder
zum Vorschein gekommen, hatten zu langen Diskussionen Anlass gegeben.
Schließlich gelingt es, die Beamten zu überzeugen, dass die Beschaffung
des Visums mithilfe einer von uns schon von Deutschland aus beauftragten
libyschen Agentur auch noch an der Grenze möglich ist. Ein freundlicher
Libyer hilft uns mit einem Dinar aus - „Pay back in heaven!“ - und
dolmetscht die Fragen des libyschen Zollbeamten: „Ihr habt doch sicher
keinen Alkohol dabei?“ Die Einfuhr von Alkohol ist verboten. „Natürlich
nicht!“. Der Uniformierte nimmt unsere Pässe an sich und weist uns an,
ihm zu folgen. Nach kaum 10 m verlieren wir ihn aus den Augen: eine
letzte tunesische Passkontrollen hindert uns an der Weiterfahrt: „Ohne
Pässe kommt ihr hier nicht raus. Der libysche Zoll hat nichts mit uns zu
tun. Wieder warten.
Endlich sind wir auf libyschem Boden und finden auch bald den
Kontaktmann der libyschen Agentur, der uns bei der Abwicklung der
weiteren Grenzeformalitäten behilflich sein soll. Er nimmt sich nicht
erst die Zeit, sich vorzustellen: „335 €. Schnell!“ Er habe noch andere
Kunden. Das sind 50 € mehr, als ausgemacht und mindestens 200 € mehr als
gerechtfertigt. Wir verweigern die Zahlung, der Agent macht uns aber
schnell klar, was hier läuft: „Ich mache hier die Stempel. Ohne mich
kommt ihr nicht rein.“ In der Tat: Er ist im Besitz der
„Einladungsschreiben“, ohne die eine Einreise nach Libyen nicht möglich
ist. Und die gibt er nicht heraus. Obwohl wir die bereits vorab in
Deutschland bezahlt hatten. Von den libyschen Grenzbeamten ist keine
Hilfe zu erwarten: „Speak arabic“, brummt einer und blättert weiter in
einem Berg von Papieren. Der Agent hat uns in der Hand. Nach heftigen
Diskussionen gibt er uns die Telefonnummer seines Chefs, wir geben ihm
den geforderten Betrag. Der Rest ist warten. Warten auf Stempel, warten
auf Versicherungspolicen und Zolldokumente, warten auf libysche
Fahrzeugkennzeichen. Warten. Fünfeinhalb Stunden warten. Willkommen in
Libyen. (Nähere Einzelheiten zu den Geschäftspraktiken der beteiligten
Agenturen unter „Info“)
Nashi ist 45 und Vater von drei Kindern. Sechs Jahre war er arbeitslos,
heute ist sein erster Arbeitstag. Er ist unser „Führer“. Sieben Tage
lang muss er uns begleiten. Bis zur ägyptischen Grenze. Er ist außer
sich. So etwas hat er noch nicht erlebt. Seit 10 Stunden hat er nichts
gegessen und nichts getrunken. Er ist ein prima Kerl.
Nashi kann etwas Englisch. Von Freunden, wie er sagt, und vom
Musikhören. Das qualifiziert ihn als „Reiseleiter“. Einen Schwur auf die
Verfassung hat er offenbar nicht abgelegt.
Die Chemie stimmt, die Kommunikation klappt auch bald ganz gut: „Small,
small“. Small heißt soviel wie klein, aber auch jung, ein bisschen,
ärmlich, einfach, ehrlich, harmlos, billig, langsam und leise. Wir
lernen rasch.
Nashi in hat eine ganze Mappe mit Papieren dabei. Er weiß auch nicht so
genau warum. Von einem der Papiere hat er viele Kopien. Auf diesem
Papier stehen unsre Namen, arabisch transkribiert, die Passnummern,
unsere Reiseroute und unsere libyschen Fahrzeugkennzeichen. Jede der
zahlreichen Polizeiposten, die wir auf unserem Weg nach Osten passieren,
will eine Kopie haben. Bald hat er keine mehr und muss neue anfertigen
lassen.
Nashi hat noch nie in einem Zelt geschlafen. Er hat einen einfachen
Schlafsack dabei, wir stellen Zelt und Isomatte, hilfreiche Einheimische
steuern eine dicke Schaumstoffmatratze und Decken bei. Aber die Nacht
ist die Hölle. „Small sleep“. Und „small cold“. Und so suchen wir fortan
jeweils ein Bett für die Nacht.
Nashi ist schwer gefordert. Das erste Mal seit sechs Jahren außer Haus,
weg von seiner Familie, das erste Mal die ganzen Papiere und die Stempel
und dann noch das Zelt. Er telefoniert pausenlos, mit seiner Frau, den
Kindern, der Schwiegermutter und seinem Chef. Schon am zweiten Tag muss
er sein Handy nachladen. „Small money“. Aber er weiß sich zu helfen.
Überall knüpft er sofort Kontakte, sitzt mit seinen neuen Bekannten am
Tisch und redet. Und überall trifft der Leute aus Zuara, seiner
Heimatstadt. Da ist die Welt noch in Ordnung. Er ist ein prima Kerl.
Muammar Al-Ghaddafi sein Land gründlich modernisiert. Der Beduine hat
sein Zelt getauscht mit einem Zweizimmerappartement in einem Plattenbau
nach dem Vorbild der sozialistischen Bruderstaaten. Er hat jetzt ein
Auto und fährt bis der Reifen platzt. Das tut der oft, die Straßen sind
gesäumt mit Reifenteilen. Aber sonst hält ihn nichts auf. Der Liter
Benzin kostet etwa 0,09 €, einen TÜV gibt es nicht und fahren lernt man
bei seinem Onkel. Das Kamel, dass er gelegentlich überfährt, gehört
einer Großmetzgerei und die Hirten sind heute Gastarbeiter aus Ägypten.
Das Huhn ist auch umgezogen. Vom Hof in eine Legebatterie. Der
Revolutionsführer ist stolz darauf. Im ganzen Land blickt sein Konterfei
mit leicht angehobenem Kinn visionär in die Zukunft, daneben die „37“ in
grüngold. Vor 37 Jahren, 1969, hat er sich an die Macht geputscht.
Seither ist alles besser.
Der Tourist indes interessiert sich mehr für das ursprüngliche Leben.
Das gibt es nicht mehr. Und so bleiben an Sehenswertem die wirklich
fantastischen Ruinenstädte Sabratha und Leptis Magna. Ironischerweise
ein Zeugnis der Lebensart der imperialistischen Römer…