Ruanda - Ein erster Eindruck

Wir lieben Grenzübergänge. Auf unserer Reise hatten wir uns in
Libyen diesem geradezu paranoiden Bürokratismus ausgesetzt gesehen,
mit denen Muammar Al-Ghaddafi sein „Bollwerk gegen den westlichen
Imperialismus“ wohl vor allem vor massenhafter Republikflucht zu
schützen versucht (und uns dann fast eine Woche lang die Klagen unseres
staatlicherseits verordneten Aufpassers über die Zustände im Land
anhören müssen), in Äthiopien hatten wir schon in der Lehmhütte, in der die
Grenzformalitäten abgewickelt wurden, Bekanntschaft mit der
traditionellen Kaffee-Zeremonie gemacht (bevor wir über die naive
Unbeholfenheit gelacht hatten, mit der die Zollbehörde in Addis Abeba
die Gesetze des eigenen Landes unterläuft, indem sie uns die Ausfuhr
unseres Wagens schriftlich bestätigte, zwei Wochen bevor wir das Land
tatsächlich verließen) und nun kommen wir fünfundzwanzig zerfurchte
Pistenkilometer hinter Kisoro, unserer letzten Station im äußersten
Südwesten Ugandas, an diesen Ort, wo der Rassen nach dem Vorbild der
ehemaligen Kolonialherren fein säuberlich zurechtgestutzt ist und
saubere Schilder gleich in drei Sprachen darauf hinweisen, dass es nicht
erlaubt ist, hier seinen Müll abzuladen. In einem der kleinen hellgelb
gestrichenen Gebäude liegt ein Zollbeamter mit dem rechten Ohr auf einem
kleinen Transistorradio, das auf seinem Schreibtisch steht, der
Radiosprecher macht gerade eine Verlautbarung des Ugandischen
Gesundheitsministeriums bekannt, wonach jegliches Wasser vor dem Genuss
abzukochen sei, und zum Glück ist der Beamte Linkshänder, so dass er
auch während er die Daten unseres Wagens handschriftlich in ein großes
Buch überträgt, seine Position nicht aufgeben muss. Auf der anderen
Seite des Schlagbaums, in Ruanda, ist man technisch wesentlich besser
ausgerüstet und auch ungleich betriebsamer: Zwei Beamte sind damit
beschäftigt, große Bündel von Banknoten in einem riesigen Tresor zu
verstauen, während ein anderer an einem modernen Computer Jagd auf
virtuelle Feinde macht und das kleine Büro ist so erfüllt von dem
Geknatter der Maschinengewehre, dass die drei gar nicht bemerken, wie
wir den Raum betreten. Wir bemühen uns um ein freundliches Französisch,
wohl wissend, dass Ruanda nach dem Ende der Deutschen Kolonialzeit 1916
unter belgische Verwaltung gestellt wurde und deshalb, neben
Kinyarwanda, der Muttersprache der ruandischen Bevölkerung, Französisch
erste Amtssprache ist, nur um gefragt zu werden, ob man denn als
Deutscher kein Englisch sprechen könne. Wegen der Verwicklungen
Frankreichs in den Völkermord 1994 sind die Beziehungen zu Frankreich
gespannt (und in den Zeitungen wird diskutiert, ob denn die Schüler hier
weiterhin französisch als erste Fremdsprache lernen sollten) und
offenbar will sich Ruanda, das, zusammen mit Burundi, erst vor wenigen
Wochen Mitglied der anglophonen Ostafrikanischen Union (Kenia, Tansania,
Uganda) geworden ist, auch endgültig von seinem kolonialen Erbe befreien
(obwohl Belgien neben Deutschland zu den wichtigsten Geberländern für
Ruanda gehört), allerdings müssen wir uns, zurück auf der Straße, nach
fast fünf Monaten Linksverkehr hier wieder an das Fahren auf der rechten
Straßenseite gewöhnen.
Wir rollen auf bestem Asphalt durch eine bezaubernd schöne
Hügellandschaft, nur leider ist das Wetter trübe, so dass wir die
beeindruckende Kulisse der Virunga -Vulkane, die hier mit bis zu 4500 m
Höhe die Grenze zu Uganda und der DR Kongo bilden, nur erahnen können.
Ruanda belegt, glaubt man den Statistiken, noch weit hinter Uganda,
einen der allerletzten Plätze der internationalen Rangliste für die
ärmsten Länder der Welt und so sind wir sehr erstaunt, hier zahlreiche
gemauerte Häuser mit ziegelgedeckten Dächern zu sehen, sind die
Behausungen im Nachbarland doch überwiegend simple Konstruktionen aus
Holz und Lehm mit Dächern aus Palmblättern oder Wellblech. Die meisten
Menschen hier sind sauber, teilweise sogar modern gekleidet, viele
Frauen haben modische Frisuren und tragen Handtaschen mit sich herum und
die Füße stecken eher in Lederschuhen mit Absätzen als in den sonst in
Afrika so weit verbreiteten Sandalen aus Plastik oder alten Autoreifen.
Hier, im Nordwesten Ruandas, hatte es in der vergangenen Woche, ähnlich
wie im nördlichen und nordöstlichen Uganda - darüber hatten die
europäischen Medien berichtet - eine Flutkatastrophe gegeben und noch
immer wälzen sich die braunen Fluten die steilen Hänge hinab, vernichten
Felder und reißen Häuser mit sich fort und wir können Menschen
beobachten, die ratlos dastehen neben den Resten ihrer kümmerlichen
Existenz und wir sind, wenn auch peinlich berührt, froh, auf einer
(wahrscheinlich von der deutschen Firma STRABAG gebauten) soliden
Asphaltstraße unterwegs zu sein.
„Ruanda ist Schwerpunktpartnerland der deutschen
Entwicklungszusammenarbeit“ (Zitat: Webseite des Auswärtigen Amtes in
Berlin: www.auswaertiges-amt.de) (es ist doch immer wieder erfrischend, zu
beobachten, wie unsere schöne Sprache vorgibt, einen komplizierten
Sachverhalt mit zwei Worten erschöpfend zu beschreiben und dann doch
festzustellen, dass dieser Sachverhalt mit diesen Worten nicht etwa
beschrieben, sondern verschleiert wird) und in hohem Maße von der
Entwicklungshilfe abhängig (Anteil der Entwicklungshilfe am
Bruttosozialprodukt 1998 (neuere Zahlen liegen uns leider nicht vor):
19% Quelle: Das Afrika-Lexikon, Jacob E. Mabe (Hrsg.), Verlag
J.B.Metzler 2004; der Anteil der Entwicklungshilfe am Staatshaushalt
soll bei etwa zwei Dritteln liegen), zudem sind zahlreiche
internationale Organisationen im Land engagiert, und so scheint die
Tatsache, dass wir uns hier jetzt der frankophonen Variante des
äthiopischen „Give me, give me“, dem ewigen „Je suis pauvre, j'ai faim,
donnez moi…“ („Ich bin arm, ich habe Hunger, gebt mir…“) ausgesetzt
sehen, eine Bestätigung für unsere These zu liefern, dass es einen
unmittelbaren Zusammenhang gibt zwischen der Intensität der Zuwendungen
an ein Land und der unselbständigen Anspruchshaltung der Bevölkerung
(auf den ersten Blick mag es so aussehen, als gebe es eher einen
Zusammenhang zwischen dem Ausmaß der Armut und dem Bedürfnis nach Hilfe;
wir haben eine ganze Reihe von Indizien gesammelt, die eher für unsere
These sprechen. Vergleiche auch unseren Artikel „Hilfe
für Afrika - Opium oder Psychotherapie?“).
Tatsächlich ist Ruanda zwar dicht besiedelt, aber fast überall findet
sich fruchtbarer Boden und so hat das Land auch noch nie wegen
Hungersnöten Schlagzeilen gemacht. Eher wird sich der ein oder andere an
das schreckliche Gemetzel erinnern, bei dem 1994 in nur drei Monaten
geschätzte 800.000 (die Zahlenangaben variieren zwischen 500.000 und
mehr als einer Million) Menschen abgeschlachtet wurden und Millionen in
die Nachbarländer flohen. Peter Scholl-Latour beschreibt in seinem Buch
„Afrikanische Totenklage“ die Vorgänge von damals: „Die Horden der „Interahamwe“
[parastaatliche Milizen der herrschenden Bevölkerungsmehrheit der Hutu]
begannen mit dem systematischen Massenmord der von ihnen registrierten
Tutsi sowie der kompromisswilligen [zu einem friedlichen Miteinander
bereiten] Hutu. Sie bedienten sich bei diesem kollektiven Amok-Lauf
ihrer Buschmesser und Knüppel, in die sie lange Nägel getrieben hatten.
Bei ihrer Schlächterarbeit waren sie von oben bis unten mit Blut
beschmiert. Sie zerhackten ihre Opfer und verschonten auch Frauen,
Säuglinge und Greise nicht. Begüterte Tutsi boten hohe Dollar-Summen an,
um durch eine Gewehrkugel, einen Gnadenschuss vor den Torturen der
Verstümmelung bewahrt zu bleiben...“. Im weiteren zitiert er, „um nicht
in den Verdacht rassistischer Vorurteile zu geraten“ (unserer Meinung
nach kann man auch durch die Auswahl der präsentierten Zitate eine
Meinung äußern…) „den Schwarz- Amerikaner Keith B. Richburg, der als
Reporter der „Washington Post“ seine persönliche Reaktion auf das
Gemetzel niederschrieb: „Konnten das vollentwickelte menschliche Wesen
sein, ... die die Schädel ihrer Nachbarn zerschmetterten, ... die deren
Glieder abhackten, die Beine und Arme in getrennten Haufen stapelten ...
und die neuen Opfer zwangen, sich daraufzusetzen, um ihrerseits
erschlagen zu werden? ... Es musste sich um Höhlenmenschen handeln““
(…und wir fragen uns, ob die deutsche Variante, die fabrikmäßige
Vernichtung von Millionen von Menschen im Dritten Reich dem Völkermord
wohl ein menschlicheres Antlitz geben kann; vgl. a. „Höhlenmenschen?
– Eine Nation ringt um Positionen“).
Natürlich trifft man auf den Straßen Ruandas nicht an jeder Ecke
furchterregende Horrorgestalten (die meisten Menschen hier kommen ja
schon durch die „Gnade der späten Geburt“ (Helmut Kohl) nicht als Täter
in Frage, das Durchschnittsalter der Bevölkerung in Afrika liegt bei
gerade mal 17,5 Jahren (Industrieländer 35,5) und die Hälfte der
Bevölkerung ist jünger als 17 Jahre), aber in fast
Dorf erinnert
ein Massengrab oder eine Gedenkstätte an den Genozid. Mehr als 100.000
Tatverdächtige warteten über viele Jahre in den Gefängnissen auf ihren
Prozess (obwohl man vor einigen Jahren die so genannte Gacaca, eine
modernisierte Form des traditionellen Palaver-Gerichts wieder einführte,
um die Abwicklung der Verfahren zu beschleunigen sollen es immer noch
zehntausende sein) und erst vor wenigen Wochen wurde in Ruanda die
Todesstrafe abgeschafft, weil viele Länder sich weigerten, die über
42.000 Beschuldigten, die im Ausland Unterschlupf gefunden hatten, der
drohenden Hinrichtung auszuliefern (Zahlreiche Täter von damals haben
sich auch in der Demokratischen Republik Kongo verschanzt, treiben dort
als „Forces Democratiques pour la Liberation de Rwanda“ (etwa:
Demokratische Kräfte zur Befreiung Ruandas: FDLR) ihr Unwesen und
bereiten, angeblich mit Unterstützung der „demokratisch“ gewählten
Regierung der DR Kongo, eine Invasion Ruandas vor)…