„Konnten das vollentwickelte menschliche Wesen sein, ... die die
Schädel ihrer Nachbarn zerschmetterten, ... die deren Glieder abhackten,
die Beine und Arme in getrennten Haufen stapelten ... und die neuen
Opfer zwangen, sich daraufzusetzen, um ihrerseits erschlagen zu werden?
... Es musste sich um Höhlenmenschen handeln“
Keith B. Richburg, zitiert nach Peter Scholl-Latour in „Afrikanische
Totenklage“
6. April 1994, 20 Uhr 30. Die Passagiermaschine aus Dar-es-Salam
befindet sich im Landeanflug auf Kigali, als sie von zwei
Boden-Luft-Raketen getroffen wird. Alle Menschen an Bord finden den Tod.
Unter ihnen Juvenal Habyarimana, Staatspräsident von Ruanda und sein
burundischer Amtskollege Cyrien Ntaryamira.
Kaum eine Stunde später bricht in den Straßen Kigalis die Hölle los.
Straßensperren werden errichtet, Hausdurchsuchungen durchgeführt,
Menschen erschlagen, gesteinigt, zu Tode geprügelt, hingerichtet. Ein
Blutbad unvorstellbaren Ausmaßes, das über drei Monate kein Ende finden
sollte. In 100 Tagen werden nach offiziellen Angaben mehr als eine
Million Menschen abgeschlachtet, zu Tode gequält, verstümmelt, in
Jauchegruben ertränkt, bei lebendigen Leibe begraben oder verbrannt.
10.000 jeden Tag, 400 jede Stunde, 7 pro Minute. Und die Welt schaut zu.
Tatenlos.
Kommentatoren sprechen von einem „ethnischen Konflikt“. Der
Weltöffentlichkeit wird der Eindruck vermittelt, irgendwelche
zurückgebliebenen Höhlenmenschen hätten spontan ihren Hassgefühlen Luft
gemacht, Afrika eben, letztlich eine Randnotiz der blutigen Geschichte
des verlorenen Kontinents. Doch die Wahrheit ist: es handelte sich um
einen Völkermord, von langer Hand geplant von einem wahnsinnigen Regime
irregeleiteter Potentaten, um einen Völkermord, wie ihn diese
leidgeprüfte Welt schon öfter gesehen hatte (auch wenn François
Mitterrand, damals Präsident von Frankreich, die zynische Bemerkung
nachgesagt wird, er messe „in solchen Ländern einem Völkermord nicht die
gleiche Bedeutung bei, wie andernorts“): In Nordamerika, in Armenien, in
Deutschland, in Kambodscha, in Ex-Jugoslawien. Und es hatte reichlich
Hinweise gegeben auf das bevorstehende Grauen, westliche Großmächte
hatten den „Konflikt“ im Vorfeld angeheizt und sich im Land einen
Stellvertreterkrieg geliefert und es gibt Beweise dafür, dass Frankreich
die Mörder nicht nur ausgebildet und bewaffnet hatte, sondern ihnen
später sogar zur Flucht verhalf.
Die Bevölkerung Ruandas ist zusammengesetzt aus 84% Hutu, 15% Tutsi und
1% Twa. So hatten es die belgischen Kolonialherren 1932 festgeschrieben
und so kann man es heute noch überall nachlesen (zum Beispiel auf der
Webseite des Auswärtigen Amts (www.auswaertiges-amt.de),
und das obwohl ja geschätzte 80% der Tutsi 1994 getötet wurden). Dabei
ist „die Abgrenzung der ethnischen Gruppen problematisch“ (Das
Afrika-Lexikon, Jacob E. Mabe (Hrsg.), Verlag J.B.Metzler 2004).
Einigkeit besteht wohl darüber, dass die Urbevölkerung des Gebiet des
heutigen Ruanda aus jagenden und sammelnden Pygmäenstämmen („Twa“)
bestand und die heute dominierende Bevölkerung vor Hunderten von Jahren
aus zwei unterschiedlichen Regionen Afrikas in das Land einwanderte. Im
Laufe der Jahrhunderte kam es aber zu einer sehr weit reichenden
Durchmischung dieser beiden unterschiedlichen Ethnien und schon vor dem
Beginn der Kolonialzeit im ausgehenden 19. Jahrhundert konnte niemand
mehr ein einzelnes Individuum an Hand seiner Physiognomie, Sprache oder
Religionszugehörigkeit eindeutig einer der beiden Bevölkerungsgruppen
zuordnen. Es hielt sich aber hartnäckig die Vorstellung von der
rassischen Überlegenheit der Tutsi und so führten die belgischen
Kolonialherren in den 1930 er Jahren ein System ein, was die
Rassenzugehörigkeit und damit die gesellschaftlichen Möglichkeiten des
Einzelnen ein für alle mal festschreiben sollte: Jeder, der 10 oder mehr
Kühe besaß, wurde als Tutsi, alle anderen als Hutu (oder Twa)
klassifiziert. Das war der Beginn einer langen Kette von zum Teil
blutigen Auseinandersetzungen zwischen den beiden „Volksgruppen“, die
1994 ihren Höhepunkt fand.
Wir besuchen das „Kigali Memorial Centre“ in der Hauptstadt Ruandas. Das
moderne Gebäude steht in einer gepflegten Anlage am Rande der Stadt und
im Außenbereich finden sich 14 Massengräber mit den sterblichen
Überresten von insgesamt 258.000 Opfern des Genozids. Zwei weitere
Gräber werden in Reserve gehalten, denn weiterhin werden fast täglich
Skelette weiterer Opfer gefunden. Die Ausstellung ist zeitgemäß
konzipiert und wird einfühlsam präsentiert, trotzdem gibt es grausame
Bilder zu sehen und die Videoinstallationen gehen unter die Haut. Man
geht sparsam um mit Schuldzuweisungen und über allem steht das Motto:
„Unser Ruanda. Wir sind ein Volk, wir sprechen eine Sprache, wir haben
eine Geschichte“.
Das ist das Motto des Neubeginns. Dr.h.c.mult. Paul Kagame, der
Regierungschef des Landes, von der ausländischen Presse wegen seiner
wenig negroiden Physiognomie gerne als der „typische Tutsi“ bezeichnet,
ist ein Kind der von Gewalt geprägten Geschichte der Region.
Aufgewachsen in einem Flüchtlingslager in Uganda, war er 1980 in die
NRA, einer Rebellenarmee unter Führung eines gewissen Yoweri Museveni
eingetreten, hatte 1986 geholfen, eben diesen in Uganda an die Macht zu
schließen (Museveni ist heute noch Regierungschef von Uganda), hatte
dann in der ugandischen Armee gedient bevor er 1990 in die Rwuandan
Patriotic Front (RPF, heute Regierungspartei in Ruanda) eintrat, um
schließlich deren militärischen Arm, die RPA, im Juli 1994 zum Sieg über
die Völkermörder in Ruanda zu führen. In der heute wohl weitgehend
freien Presse des Landes wird Kagame zwar zum Teil heftig kritisiert,
Wahlbetrug wird ihm vorgeworfen, verstärkte Anstrengungen zur Bekämpfung
der Armut werden angemahnt und mehr Demokratie gefordert und trotzdem
wird er mit einer gewissen Achtung als disziplinierter, unbestechlicher
Arbeiter und verantwortungsvoller Familienvater porträtiert. Offenbar
hat sich der Mann mit internationaler Unterstützung zu einer
Integrationsfigur gemausert, die rassentrennenden Einträge in den
Ausweisen wurden abgeschafft und die lokale Presse kann stolz vermelden,
dass sich Ruanda nach Einschätzung internationaler Organisationen zu dem
Land in Schwarzafrika entwickelt hat, dass die größten Fortschritte
macht („the most improved subsaharan nation“, The New Times, 26.09.2007)
und in der Tat gilt das Land heute als eines der sichersten und freisten
(„Participation and human rights, Mo Ibrahim Foundation) des Kontinents.
Wie kann man leben mit solch einem Erbe? Wie kann sich eine
funktionierende Zivilgesellschaft entwickeln in einem Land, in dem es
kaum jemanden gibt, der älter ist als 13 Jahre und dessen Leben nicht in
irgendeiner Form gezeichnet ist von den Folgen eines der dunkelsten
Kapitel der Menschheitsgeschichte? In einem Land, in dem als Folge einer
unvorstellbar ausufernden Gewalt 100.000 Witwen und Witwer leben,
mehrere 100.000 Waisen aufgefangen werden müssen, mindestens 500.000
Frauen Opfer von Vergewaltigungen wurden (bei denen viele absichtlich
mit HIV infiziert wurden), in dem geschätzte zwei Drittel der
Gesamtbevölkerung in der Folge der Ereignisse verschleppt, umgesiedelt,
als Geiseln gefangen gehalten worden oder geflohen war? In einem Land,
in dem die Mittel fehlen, all diese Opfer psychisch zu betreuen oder
ihnen auch nur zu ermöglichen, das Schicksal ihrer verschollenen
Angehörigen zu klären, ihre toten Familienangehörigen zu identifizieren
und würdig beizusetzen? Jedenfalls nicht, indem man seine Augen
verschließt. Die Zeitungen sind voll mit redaktionellen Artikeln und
Leserbriefen, die sich mit den Folgen des Völkermords befassen und zu
nationaler Einheit aufrufen und in fast
Dorf im ganzen Land gibt
es Gedenkstätten und zahlreiche Orte des Grauens hat man zu Mahnmalen
ausgebaut.
In der Kirche von Ntarama, einer Landgemeinde etwa 30 km südlich von
Kigali, wurden im April 1994 mehr als 5000 Menschen, die dort Schutz
gesucht hatten, grauenvoll ermordet. Die Täter hatten sich mit Granaten
Zugang zu dem Gebäude verschafft und dann die wehrlosen Opfer, vor allem
Frauen und Kinder, niedergemetzelt. In der Kirche hat man die Gebeine
einiger hundert Opfer auf einem Holzregal aufgebahrt, in einer Ecke
hängt eine Schnur mit Kleidern der Ermordeten und in einer anderen sind
Gegenstände gestapelt, die die Menschen in der Stunde des Todes bei sich
trugen: Trinkgefäße, Wasserkanister, Schulhefte, Kugelschreiber. An den
Wänden sind noch deutlich. Blutspuren zu erkennen. Im Garten findet sich
eine Reihe von Massengräbern und man hat damit angefangen, die Namen der
Opfer in kleine Schiefertafeln einzugravieren. Datif, eine attraktive,
modisch gekleidete junge Frau, führt uns durch die Anlage. „Ich war
damals 10“, erzählt sie. „Als die Mörder kamen, floh ich mit ein paar
anderen in den Busch“. Sie lächelt ein wenig unbeholfen. Und Ihre
Familie? „Die meisten davon starben“, sagt sie. Jetzt lächelt sie nicht
mehr, sondern spielt nervös mit ihrem Handy.
Einige Kilometer weiter südlich liegt die Kirche von Nyamata. Hier
wurden 2500 Menschen Opfer der Massaker. Überall sind Einschusslöcher zu
sehen und das Tuch über dem Altar ist mit Blut getränkt. Hunderte von
Schädeln, viele mit deutlichen Spuren der Gewalt, sind in der Kirche und
in begehbaren Massengräbern im Kirchhof aufgebahrt. Wir bleiben
sprachlos zurück angesichts des unvorstellbaren Grauens.
Wir fahren nach Butare. Butare ist eine lebhafte Kleinstadt mit etwa
30.000 Einwohnern, liegt im Süden des Landes, ist Sitz einer
Universität und verspricht eine entsprechende Infrastruktur. Hier wollen
wir ein paar Tage ausruhen und die Erlebnisse verarbeiten. Wir finden
ein kleines, einfaches Hotel in der Stadtmitte und werden noch lange von
dem Treiben in der benachbarten Bar, die nur mit einem löchrigen
Wellblechdach gedeckt ist, unterhalten. Am Morgen ist die Stadt wie
ausgestorben. Alle Geschäfte sind geschlossen und kaum jemand ist auf
der Straße zu sehen. Heute ist Mittwoch, und Mittwoch ist Gacaca-Tag in
Butare.
Die Drahtzieher des Völkermords stehen im tansanischen Arusha vor
Gericht. Dort wurde im November 1995 das Internationale Verbrecher
Tribunal für Ruanda (ICTR) etabliert. Bis 2005 wurden über 600 Millionen
€ ausgegeben, um 81 Anklageschriften zu formulieren und ganze 18 Urteile
zu sprechen. In den Gefängnissen von Ruanda aber sitzen mehr als 100.000
Beschuldigte ein, mindestens ebenso viele potentielle Täter sollen sich
noch auf freiem Fuß befinden. Michael Bitala, ehemals
Afrikakorrespondent der Süddeutschen Zeitung, beschreibt in einem
Artikel aus dem Jahr 2004 (SZ, Seite Drei, 24.3.2004) die Zustände: „Die
Kerker sind so voll gestopft, dass die Gefangenen sich zum schlafen
nicht hinlegen können und keine Chance haben, auf die Toilette zu gehen.
Wer Glück hat, findet einen Eimer in der Nähe, wer Pech hat, findet
keinen. Das schlimmste aber ist, dass viele schon länger als sieben
Jahre eingesperrt sind, ohne dass es einen Haftbefehl gibt oder eine
Anklage. Am Genozid waren so viele Menschen beteiligt, dass es
zweihundert Jahre dauern würde, alle bislang inhaftierten mutmaßlichen
Täter vor ein ordentliches Gericht zu stellen“.
Und so hat man sich entschlossen, neue Wege zu gehen. Die Gacaca wurde
eingeführt. Gacaca ist Kinyarwanda und bedeutet Gras. Juristische Laien
wurden im Schnellverfahren in die Grundzüge der Justiz eingewiesen und
richten nun über die Völkermörder. Hunderte, wenn nicht tausende solcher
Palaver-Gerichte gibt es im Land und die Verhandlungen finden, jeweils
einmal in der Woche, üblicherweise unter freiem Himmel statt, auf dem
Gras eben. In Butare aber gibt es eine große Stadthalle, und jeder, der
irgendwelche sachdienlichen Hinweise geben könnte, ist angehaltenen, an
den Verhandlungen teilzunehmen, und so sitzen jetzt mehrere hundert
Menschen den vier Angeklagten und etwa einem Dutzend Laienrichter
gegenüber. Leider werden wir nicht eingelassen, aber die Türen der Halle
stehen offen und wir bekommen mit, dass gerade Maria vor Gericht steht.
Maria wird vorgeworfen, eine andere Frau getötet zu haben. Es herrscht
ein ständiges kommen und gehen, aber sonst läuft die Sitzung sehr
geordnet ab. In ruhigem Ton trägt die Vorsitzende Richterin die Anklage
vor, ebenso ruhig machen Angeklagte und Zeugen ihre Aussagen. Es gibt
keine Zwischenrufe und niemand wird laut.
Sieben Jahre Gefängnis sind die Mindeststrafe für geständige Mörder und
so hofft man, dass sich die Gefängnisse bald leeren, sitzen doch die
meisten Angeklagten schon länger als diese sieben Jahre ein. Es können
aber auch lebenslängliche Freiheitsstrafen verhängt werden und es kommt
immer wieder vor, dass Menschen, die sich bislang auf freiem Fuß
befanden, sich vor Gericht verantworten müssen, weil sie in einem
anderen Verfahren belastet wurden. Und immer wieder werden Zeugen, die
bereit waren, vor Gericht auszusagen, umgebracht oder verschwinden unter
ungeklärten Umständen...
Heute ist ein schöner Tag. Die Sonne strahlt aus dem wolkenlosen Blau
des Himmels und sie strahlt auf die vielen freundlichen Menschen und auf
die bezaubernde Landschaft im „Land der tausend Hügel“. Auf einem der
Hügel liegt die Schule von Murambi. Sie liegt da allein und verlassen
und wo früher Kinder tobten herrscht heute gespenstische Stille. Kein
Mensch ist zu sehen, als wir über die breite Auffahrt in das Gelände
fahren, aber bald schon eilt Jean herbei. Jean ist vielleicht 35,
spricht kaum ein Wort Englisch oder Französisch, aber er kann einen
großen Defekt in seiner Schädeldecke vorzeigen und eine Narbe am Bein.
Das weist ihn aus als einen, der dabei war und wahrscheinlich hat er
schon oft eines der vierundzwanzig Klassenzimmer aufgeschlossen und
schon oft gesehen, was sich in den Gesichtern derjenigen abspielt, die
heute zum ersten Male durch die Türe treten und unvermittelt diesem
Anblick ausgesetzt sind: Ausgezehrte Kreaturen mit eingeschlagenen
Schädeln, abgehackten Armen, Händen, Füßen, verzweifelt, verkrüppelt,
wie in einem einzigen Aufschrei erstarrt, in Ewigkeit. In Murambi wurden
mindestens 27.000 Menschen Opfer eines gewaltigen Blutrauschs. Sie alle
hatte man in Massengräbern verscharrt, später aber etwa 1800 wieder
ausgegraben, mumifiziert und dann hier ausgestellt. Manche tragen noch
Teile der Kleidung, die sie am Tage ihres Todes trugen, manche haben
Ketten um den Hals und bei einigen sind noch die Haare auf dem Kopf zu
erkennen.
Das alles gibt es ohne Kommentar. Das Besucherzentrum steht zwar schon,
aber es ist leer, leer wie der Platz drumherum und leer wie der Kopf
nach dem Besuch.
Ist das der richtige Weg? Kann man so mit solch einer Vergangenheit
umgehen? Müsste man denn nicht erklären, kommentieren, analysieren,
Positionen beziehen?
Wir bleiben sprachlos zurück. Sprachlos, leer, alleine. Wie das ganze
Volk. Alleine, auf der Suche nach Positionen.