Lächelnd am Abgrund
Simbabwe - Ein Paradies in Ruinen

„Mugabe muss weg“, sagt Ben und er sagt das mit einem Lächeln. Ben
lächelt, so wie das ganze Land lächelt. Lächelnd in den Abgrund
schlittert.
Wir befinden uns in Chimanimani, einer Kleinstadt vor den Toren des
gleichnamigen Nationalparks im Osten von Simbabwe. Es ist Anfang Februar
und hier - etwa 20° südlich des Äquators - ist Spätsommer, die Luft ist
klar und würzig, es. grünt und blüht aller Orten und die Berge bieten
eine Kulisse wie in den bayerischen Voralpen. Chimanimani war einst ein
Touristenparadies und Ben lacht: „Früher hatten wir 100 Leute hier. Am
Tag. Heute sind es vielleicht noch zwei im Monat“. Und nach einer Pause
fragte er leise: „Oder habt ihr hier vielleicht irgendwo irgendwelche
Touristen gesehen?“ Als wir verneinen wirkt der nachdenklich und meint
schließlich: „Fahrt doch mal zu den Victoria-Fällen, vielleicht trefft
ihr dort noch ein oder zwei“. Ben, ein etwa25 Jahre alter Schwarzer,
ist der Manager des „Heaven“, einer einfachen Unterkunft für
Rucksacktouristen mit angeschlossenem Campingplatz und er und seine
Kollegen tragen keine Schuld am Niedergang: Die große Rasenfläche vor
dem Haus ist sauber gemäht, der Garten gepflegt, wenn man sich nicht an
den paar Spinnweben stört finden sich auch die Toiletten im Haus in
durchaus gebrauchsfähigem Zustand und in der Kühle der Nacht entfachen
die jungen Leute ein Feuer am offenen Kamin und laden uns ein, uns zu
wärmen. Nur die Bar und das Restaurant sind seit langem geschlossen. Vor
der Theke steht eine Schiefertafel auf der das letzte „Gericht des
Tages“ angeboten wird. Die Jahreszahl ist noch gut zu erkennen: 2006. Da
hatte man noch Hoffnung. Ein bisschen zumindest.
Immerhin hatte alles so gut angefangen. Als Robert Mugabe 1980 nach
jahrelangem Befreiungskampf als Sieger aus den ersten freien Wahlen
hervorging und die Macht von der weißen Minderheitsregierung im
damaligen Südrhodesien übernahm, schien es, als sei er angetreten, zu
beweisen, dass der Niedergang im postkolonialen Afrika kein
unabänderliches Naturgesetz ist. Das Bruttosozialprodukt in Simbabwe lag
zu Beginn der 1980er Jahre noch mehr als doppelt so hoch wie im
Durchschnitt in Schwarzafrika, der Simbabwe-Dollar war mehr wert als der
US-Dollar, die Wirtschaft wuchs, in Bildung und Gesundheitswesen wurde
investiert und obwohl Mugabe schon bald nach seinem Amtsantritt damit
begonnen hatte, seinen Anspruch als Alleinherrscher zu zementieren und
potentielle Oppositionelle mithilfe seiner in Nordkorea ausgebildeten
Elitetruppe blutig zu unterdrücken, wurde er noch Ende der 1980er Jahre
als „kluger, besonnener Politiker“ bezeichnet und als einer gefeiert,
„der um Ausgleich bemüht ist“ (Richard von Weizsäcker 1988, zitiert nach
Bartholomäus Grill in: „Ach, Afrika“).
Heute sieht man das anders. Das Land wird international isoliert,
Menschenrechtsverletzungen werden dem Großen Mann vorgeworfen, die
Kommentatoren der meisten Zeitungen in den Nachbarländern übertreffen
sich gegenseitig mit Horrorstorys über die Zustände im einstigen
Musterland und es gibt nur noch wenige, die Mugabe als Helden feiern,
als Helden des neuen, schwarzen Afrika, als denjenigen, der das Land von
den Kolonialherren befreit und die weißen Siedler vertrieben hat. Die
freilich sitzen meist im Ausland, dort wo der Kühlschrank voll ist und
feuern aus der Ferne ihre ehemaligen Landsleute an, durchzuhalten für
die afrikanische Sache. In Simbabwe selbst indessen scheint man sich
einig: „Mugabe muss weg“, wiederholt Ben. „Jeder denkt hier so.“ Er
lächelt immer noch, aber wenn man genau hin schaut, sieht man, wie seine
Oberlippe zuckt, als er uns eine Warnung mit auf den Weg gibt: „Sprecht
niemals in der Öffentlichkeit über Politik. Die Leute vom Geheimdienst
sind überall.“
Ganz in der Nähe mieten wir ein Ferienhaus. Das Haus hat sieben Betten,
zwei Badezimmer, ein geräumiges Wohnzimmer mit offenem Kamin und die
Küche ist ausgestattet mit Kühl- und Gefrierschrank, Wasserkocher und
Mikrowelle (das alles freilich von geringem Nutzen, gibt es doch die
meiste Zeit des Tages keinen Strom). 50 Millionen Simbabwe-Dollar kostet
hier eine Nacht, über 1100 € nach dem offiziellen Wechselkurs, nach dem
- gemessen an den Preisen für Dinge des täglichen Bedarfs sehr viel
realistischeren - Schwarzmarktkurs allerdings noch nicht einmal fünf
Promille davon. Vor sechs Wochen wurden für die Übernachtung noch 5
Millionen verlangt, nächste Woche sollen es 100 Millionen sein. „100
Millionen Dollar“, sagt Josef, „das war einmal viel Geld. Es ist noch
nicht lange her, da hat man für 20 ein Fahrrad bekommen.“ Das Ferienhaus
gehört weißen Südafrikanern und Josef ist der schwarze Hausmeister hier.
Er ist Ende 50 und kann sich noch gut an bessere Zeiten erinnern. „Aber
heute“, fährt er fort, „heute können sich die meisten von uns kaum mehr
eine Mahlzeit am Tag leisten.“ Er lächelt, wendet den Kopf und deutet
mit dem Kinn hinunter ins Tal: „Da unten steht ein Sägewerk. 100
Millionen Dollar verdient ein Arbeiter dort im Monat. 42 Millionen
kostet eine Flasche Speiseöl. Wenn es mal irgendwo eine gibt.“
Tatsächlich ist die galoppierende Inflation - sie wird von ausländischen
Beobachtern auf mehrere tausend Prozent pro Jahr beziffert - eines der
größten Probleme des Landes. Abgesehen von den jungen Männern, die in
den Grenzorten in den Nachbarländern Sambia, Mosambik, Südafrika und
Botswana mit dicken Bündeln von Geldscheinen wedeln und in den
Verhandlungen mit ihren Kunden den realen Wert der Währung festlegen,
akzeptiert niemand außerhalb des Landes mehr den Simbabwe-Dollar so
fehlt es im Land an allem, was importiert werden muss. Das Geld ist kaum
mehr das Papier wert, auf dem es gedruckt wird, die Lohnentwicklung hält
nicht mit der Geldentwertung Schritt und so stürzen die Reallöhne ins
Bodenlose. „Wer schlau ist, hört aufzuarbeiten und versucht, sich
irgendwie anders durchzuschlagen“, sagt Josef und nach einer Pause,
jetzt doch mit einem Anflug von Trauer in der Stimme: „Alles geht vor
die Hunde. Zuletzt die Moral. Viele stehlen sich ihren Lebensunterhalt
zusammen.“
Die Straße nach Westen führt hinunter in die heiße Steppe und an einer
Kreuzung stehen zwei Beamte der Militärpolizei in ihren neongelben
Uniformen und halten den Daumen raus. Sie wollen nach Mutare, einer
Provinzhauptstadt etwa 160 km nördlich von hier. „Wir müssen zur Bank“,
erklären die beiden, „unseren Lohn abheben. Aber der Bus dahin kostet 50
Millionen Dollar, da ist ja fast die Hälfte vom Lohn schon wieder weg.“
Sie lächeln, als sie erläutern: „Das ist so teuer, weil es keinen
Treibstoff gibt. Die Busfahrer kaufen den Sprit auf dem Schwarzmarkt. Da
wo ihr euer Geld tauscht.“ Wir sagen nichts dazu. Joseph hatte uns
gewarnt: „Schwarz Geld tauschen ist illegal und mit Gefängnisstrafen
bedroht. Neulich war die Geheimpolizei bei mir und wollte mich
verpflichten, von unseren Gästen offizielle Wechselquittungen zu
verlangen.“ Er tippt sich an die Stirn. „Aber ich bin doch nicht blöd
und spiele denen noch in die Hand. Heute muss jeder sehen, wo er
bleibt.“
Staatliche Einrichtungen wie Nationalparks und die dazugehörigen
Campingplätze umgehen das Problem, indem sie von Ausländern Devisen
verlangen. Das treibt mitunter bunte Blüten. So sollen wir einmal für
das Campen in einem kleinen Waldschutzgebiet 140 US-Dollar berappen, für
einen Korb Feuerholz werden weitere 50 US-Dollar verlangt (wir einigen
uns schließlich auf den Gegenwert von etwa 12 € in Landeswährung, ohne
Quittung versteht sich). Und so steuern wir wo nur irgend möglich
private Plätze an und finden an diesem Tag einen, der wunderschön an
einem Stausee liegt.
Ganz in der Nähe liegt Great Simbabwe. Great Simbabwe ist eine
Ruinenstadt, wird als die größte von Menschen erschaffene historische
Struktur südlich der Pyramiden bezeichnet und ist als in Afrika seltenes
Zeugnis einer Architektur in Stein Weltkulturerbe. Man ist sehr stolz im
Land auf dieses Erbe, sieht sich als unmittelbarer Nachfolger dieser
vergangenen Hochkultur, die Regierungspartei führt die alten Steine im
Wappen und selbst der Name, den sich das Land nach dem Ende der
Kolonialzeit gegeben hat, geht darauf zurück: Das Wort Simbabwe leitet
sich aus einem Ausdruck in der Sprache der Bevölkerungsmehrheit der
Shona ab, der in etwa „Großartige Steinhäuser“ bedeutet. Wir nehmen uns
einen halben Tag Zeit für die Besichtigung und steuern dann den
Campingplatz in der Kleinstadt Masvingo an. Natürlich sind wir auch dort
die einzigen Gäste und so wird das Gelände nebenbei auch als
Autowaschplatz und Reparaturwerkstatt genutzt und abends füllt sich die
kleine Bar unter freiem Himmel mit Einheimischen, die noch ein paar
Millionen Dollar übrig haben und sie dort in kühles Bier umsetzen. Wir
wollen uns eine Reserve an Treibstoff und einen kleinen Vorrat an
einheimischer Währung zulegen und tatsächlich gelingt ist Joe, dem
umtriebigen Manager des Campingplatzes, der nebenher noch ein
Abschleppunternehmen betreibt, innerhalb von 24 Stunden 20 l Diesel und
ein paar hundert Millionen Simbabwe-Dollar aufzutreiben. In der kleinen
Stadt gibt es sogar ein Internetcafé aber leider gibt es mal wieder
keinen Strom, doch der Supermarkt führt heute Fleisch und Obst und so
bilden sich rasch lange Schlangen an den von einem Notstromaggregat
gespeisten elektronischen Kassen. Die bevorstehende Wahl im Lande ist in
aller Munde und hinter vorgehaltener Hand wird über die Chancen der
Herausforderer Mugabes diskutiert: „Alle wollen den Wechsel. Mugabe muss
gehen“, sagt einer und fügt nachdenklich hinzu: „Wenn Mugabe aber
verliert, gibt es Krieg.“ Ein anderer widerspricht: „Krieg wird es
keinen geben. Für einen Krieg braucht man Waffen und Munition und die
haben sie nicht und sie haben keine Devisen, welche zu kaufen. Und
außerdem“, meint er weiter „Mugabe wird nicht verlieren. Bisher hat er
noch jedes Wahlergebnis gefälscht. Jeder weiß das.“ „Aber keiner tut
etwas“, erzürnt sich ein Dritter. „Warum hilft uns denn keiner? Die UN,
das ist doch die Mutter aller Nationen. Warum kommt denn keiner? Die
Welt hat uns vergessen.“ „Mugabe ist ein alter Mann. Vielleicht stirbt
er ja einfach“, wirft einer ein, gibt dann aber selbst zu bedenken:
„Manchmal kommt er ja hier her, der Alte. Hält Reden und sagt, an allem
seien die anderen schuld. Die Weltbank, die Briten, die Weißen. Und all
so einen Unfug. Aber verdammt jung sieht er noch aus mit seinen 83.“
Für den „Herald“, die regierungseigene Tageszeitung, freilich, ist die
Sache klar. Drei Gegenkandidaten, so berichtet das Blatt, seien für die
Wahlen am 29. März 2008 zugelassen worden. Aber natürlich bestehe kein
Zweifel daran, dass Mugabe und seine ZANU-PF „haushoch gewinnen“ werde.
Der Leitartikel feiert die „reiche demokratische Tradition“ des Landes
und merkt an, dass der Bürger Simbabwes, im Gegensatz zu den Bürgern der
meisten anderen afrikanischen Länder, nun schon zum 10. Mal in den 28
Jahren seit der Unabhängigkeit die Möglichkeit habe, in freien Wahlen
über seine Führer zu entscheiden. Aber auch Dr. Simba Makoni, dem
offenbar populärsten Gegenkandidaten, wird ein Artikel gewidmet: Auf
einer halben Seite wird das ehemalige Mitglied des Politbüros
verunglimpft und es wird ihm in populistischer Weise vorgeworfen, er
kollaboriere mit den ehemaligen Kolonialherren und wolle das Land an die
enteigneten weißen Siedler zurückgeben.
Natürlich wurde die Pressefreiheit in Simbabwe längst abgeschafft aber
heute hat ein zweites Blatt über irgendwelche dunklen Kanälen die
Händler erreicht, die auf den die Gehsteigen der Stadt im Schatten
sitzen. Die Erstausgabe des “Zimbabwean“ bezeichnet sich selbst als „Die
Stimme der Sprachlosen“ („The voice of the voiceless“) und titelt: „Makoni
gewinnt an Unterstützung, Mugabe verfällt in Panik!“ Auf 24 Seiten
werden die Zustände im Land angeprangert, freilich anonym: Die Zeitung
besitzt kein Impressum und die Artikel sind nicht mit Namen
unterschrieben. Es ist die Rede von Versorgungsengpässen mit
Grundnahrungsmitteln, Trinkwasser und Treibstoff, von Sklavenlöhnen und
menschenunwürdigen Arbeitsplätzen, von erkauften Loyalitäten, Bestechung
und politischer Unterdrückung und der Regierung wird Untätigkeit und
Versagen vorgeworfen.
Wir wenden uns wieder nach Osten und finden am Nachmittag einen
Stellplatz bei einem Golf-Club. Hier geht die Welt vornehm zu Grunde:
Jeder reist mit dem eigenen Wagen an, die Kleiderordnung scheint noch
aus der „guten alten Zeit“ zu stammen und schreibt Hemden mit Kragen und
Socken in den Schuhen vor und am Abend wird ein Barbecue gegeben. Man
scheint gute Beziehungen zum Elektrizitätswerk zu haben - die ganze
Nacht brennt Licht - aber nur wenige Kilometer weiter in der Kleinstadt
Chiredzi ist nirgendwo Brot zu bekommen. „Mehl hätten wir mal
ausnahmsweise genug“, meint ein Bäckereiverkäufer in einem Supermarkt,
„aber es gibt keinen Strom und deshalb können wir nicht backen.“ Auch
sonst gibt es hier nichts außer ein paar Tüten Popcorn, verschimmelten
Kartoffeln und Dosenbier zu astronomischen Preisen und die Schilder über
den leeren Regalen verhöhnen den Kunden mit flotten Sprüchen wie „Thats
your choice“ oder „ Get more for your Dollar“. Die meisten Geschäfte in
der Stadt sind geschlossen aber vor einem Gebäude stehen Hunderte von
Menschen. „Seit vier Uhr heute Morgen stehen wir hier an“, erzählt
einer. „Heute wird Zucker verteilt.“ Und tatsächlich schleppt jeder, der
das Haus verlässt, einen Zwanzig-Kilo-Sack Zucker davon (wir finden
nicht heraus, wer der edle Spender ist, aber es wird gemunkelt, die
Regierung versuche, mit solchen Aktionen die Kunst des Wählers zu
kaufen).
Der Gonarezhou Nationalpark liegt im äußersten Südosten Simbabwes und
grenzt an die Schutzgebiete Parque Nacional do Limpopo in Mosambik und
Kruger Nationalpark in Südafrika. Im Jahre 2000 wurde beschlossen, die
drei Gebiete zu einem riesigen grenzüberschreitenden Park
zusammenzufassen und Mosambik und Simbabwe freuten sich darauf, einen
Teil der 1,1 Millionen Besucher, die jährlich den Kruger Nationalpark
besuchen, in ihren Ländern begrüßen zu dürfen. Davon allerdings ist man
hier weit entfernt: Im Norden des Gonarezhou Nationalparks gibt es nur
eine einzige befahrbare Piste und die Brücke, die einst den Runde
überspannte, und so die Nord- und die Südhälfte des Parks miteinander
verband, ist vor Jahren einer Flutwelle zum Opfer gefallen. Im Park Head
Quarter freut man sich über den seltenen Gast und wir haben 10.000 km²
Wildnis ganz für uns. Wir sehen zahlreiche wie Tiere, vor allem
verschiedene Antilopen - ganz besonders freuen wir uns über das seltene
Nyala -, aber auch Paviane, Zebras, Elefanten und Flusspferde, die
meisten allerdings aus großer Entfernung - die Tiere sind hier nicht an
Fahrzeuge gewöhnt und daher sehr scheu. Wer campen auf einem
Picknickplatz, bauen uns dort aus den Überresten einiger Sitzbänke aus
Stein eine Feuerstelle, grillen das vorzügliche Fleisch aus dem
Supermarkt in Masvingo und genießen den Ausblick auf den breiten Fluss
uns seine trägen Bewohner und die rot leuchtenden Sandsteinformationen
der Chilojo Cliffs.
Die kürzeste Verbindung zu den Traumstränden am Indischen Ozean führt
über Espungabera, einem kleinen Ort in den fast menschenleeren Weiten
des westlichen Mosambik. Über den dortigen Grenzposten wollen wir
Simbabwe verlassen und fahren deshalb weiter in nordöstlicher Richtung.
Erneut werden wir mit den traurigen Realitäten in diesem Land, diesem
Paradies in Ruinen, konfrontiert: In der ehemaligen „Kornkammer Afrikas“
- in guten Jahren wurden einst eine halbe Million Tonnen (!) Mais
exportiert - herrscht Hunger! Nach Angaben des Welternährungsprogramms
der Vereinten Nationen sind derzeit 3,5 Millionen Menschen - fast ein
Drittel der Bevölkerung - von Nahrungsmittellieferungen abhängig. Die
Hilfe kommt in Säcken und die werden allerorten auf großen Plätzen
verteilt. Auf den meisten der Säcke steht USAid, die Leute hier
versichern uns aber, es handele sich nicht um Zuwendungen aus einem
bestimmten Land, sondern um „Christian Care“, eine Aktion der
Internationalen Gemeinschaft. Wie dem auch sei - zu viele Fragen sind
hier offenbar nicht erwünscht: „Ihr seid wohl Journalisten“, fragt uns
einer und stellt sich knapp als Dorfchef vor. „Ihr interessiert euch ja
sehr für das, was hier vorgeht“. Wir sind gewarnt: Vor ein paar Monaten
war ein amerikanischer Journalist des „Time Magazine“ in einer ähnlichen
Situation festgenommen worden. Fünf Tage lang wurde er festgehalten, in
einem Schnellverfahren schließlich der Spionage und des Landesverrats
schuldig gesprochen und zu einer (allerdings lächerlich geringen)
Geldstrafe verurteilt und des Landes verwiesen. „Wir sind Touristen“,
wiegeln wir ab, „wir sind gekommen, die wunderschöne Natur dieses Landes
mit seinen freundlichen Menschen zu erleben.“ Rasch zählen wir einige
touristische Highlights auf. Er lässt uns ziehen.
Wir fahren wieder in die Berge und als wir Chipinge erreichen, eine
Kleinstadt etwa 50 km von der Grenze zu Mosambik, ist es schon dunkel
geworden. Vergeblich suchen wir den Campingplatz, den es hier geben soll
bis ein Kleinlaster neben uns anhält. In ihm sitzen Graham und Helene,
zwei Weiße, die uns spontan zu sich nach Hause einladen. „Wir Weißen
müssen zusammenhalten“, meint Helene, „hier gibt es zwar ein Hotel, das
ist aber nichts für Weiße.“ Und sie warnt uns (wie das übrigens fast
alle in Afrika lebenden Weisen, die wir hier so treffen, regelmäßig tun)
vor der zunehmenden Kriminalität, den tückischen Straßen, der korrupten
Polizei und all dem, was das Leben in Afrika eben unerträglich macht.
Helene hat neuseeländische, Graham britische Vorfahren, beide sind aber
in Simbabwe geboren und Graham arbeitet für eine der wenigen
verbliebenen Großfarmen im Lande. „Mugabe und seine Landreform“,
brummt der bärtige Endvierziger, „er hat die weißen Farmer einfach
rausgeschmissen, Hunderte von uns wurden umgebracht. Aber er hat nicht
dafür gesorgt, dass ein Schwarzer hier den Job machen kann.“ Die beiden
leben wie auf einer Insel: Das geräumige Haus ist von meterhohen Zäunen
umgeben, zwei Papageien, einige Katzen und sieben Hunde leisten ihnen
Gesellschaft, natürlich haben sie schwarze Angestellte aber sonst
offenbar keinen Kontakt zur schwarzen Bevölkerung und man hat ein wenig
den Eindruck, als seien sie gefangen. Gefangen in einem Leben, das sie
so nicht wollen, gefangen in einer Angst vor einem Land, in dem sie zwar
geboren sind, dass sie aber nicht verstehen und auch nicht verstehen
wollen. Ihre beiden Töchter leben in England und sie selbst versuchen,
sich als Grundstücksmakler und Betreiber einer Touristenunterkunft in
Mosambik ein zweites Standbein zu schaffen, aber sie denken nicht
darüber nach, das Land zu verlassen. „Es gibt zwei Arten von Weißen im
Land“, erklären sie, „die Reichen und die Armen. Die Reichen müssen
nicht gehen und die Armen können nicht.“ Sie lassen offen, zu welcher
Kategorie sie sich selbst zählen, stellen aber klar: „Wir bleiben!“ Und
Mugabe? „ Mugabe wird wohl auch bleiben.“