Ein Staat führt sich selbst ad absurdum
Simbabwe wird von einem Regime regiert, das die Augen vor der Realität verschließt. Eine Begegnung mit der Verkehrspolizei verdeutlicht die nachgerade perversen Folgen.
Endlich mal Ärger mit der Polizei. Nach über zwei Jahren auf Afrikas
Straßen haben wir noch keinen Cent Strafe oder irgendwelche
Bestechungsgelder bezahlt. Aber wenn ein Polizist in Simbabwe bei 36
Grad im Schatten seinen Sitzplatz unter einem Baum am Straßenrand
verlässt und wie ein Raubtier auf die Straße springt, weil sich gerade
ein Fahrzeug mit ausländischem Kennzeichen nähert, hat das sicher nichts
Gutes zu bedeuten.
„Führerschein und Fahrzeugpapiere“, raunzt der Beamte knapp, verzichtet
auf die sonst in Afrika übliche langwierige Begrüßung und unterzieht
unser Auto einer eingehenden Prüfung. „Sie fahren ohne Reflektoren“,
stellt er fest. Angeblich sind in Simbabwe reflektierende Plastikfolien
vorne und hinten am Auto anzubringen. Schon beginnt er, eine
„Schuldanerkennungserklärung“ auszufüllen, ein DIN-A-4-Formular mit drei
Durchschlägen, in dem zahlreiche Eintragungen vorzunehmen sind und auf
dem der Verkehrssünder darauf hingewiesen wird, dass er das Recht hat,
sich vor Gericht gegen die ihm zur Last gelegten Vorwürfe zu wehren.
„Kostet 80 Dollar, 20 für jeden Reflektor“, sagt der Beamte streng.
Ich traue meinen Ohren kaum, hatten wir doch gerade erst 250.000
Simbabwe-Dollar für vier mittelgroße Kartoffeln ausgegeben. Der kann
eigentlich nur US-Dollar meinen. „Leider haben wir keine Simbabwe-Dollar
“, entgegnete ich trotzdem vorsichtig. Auf dem Schwarzmarkt Geld zu
tauschen ist in Simbabwe mit hohen Strafen bedroht, Banken stellen
Wechselquittungen aus, die den Behörden auf Verlangen vorzulegen sind,
und eine solche haben wir nicht. Der Uniformierte spricht jetzt deutlich
leiser und freundlicher: „Ich sage jetzt nicht“, meint er, „dass Sie
auch in Devisen bezahlen können. Es liegt ganz bei ihnen, wie sie das
Problem lösen.“
Offenbar hat er tatsächlich 80 Simbabwe-Dollar gemeint, oder 80.000,
oder 80.000.000?
Die Inflationsrate in Simbabwe wird mittlerweile auf Schwindel erregende
zehn Milliarden Prozent beziffert, die viele Nullen machen das Rechnen
schwierig und so werden im allgemeinen Sprachgebrauch gerne mal drei
oder sechs Nullen unterschlagen. Aber in ausländischer Währung bezahlen?
Das könnte dem so passen!
Wir fahren in einen nahe gelegene Stadt, um auf der Bank Geld zu
tauschen. „Ja, wir tauschen US-Dollar“, sagt der Angestellte hinter dem
Schalter, „aber viel werden Sie mit dem Geld nicht kaufen können. Wir
handeln hier mit dem offiziellen Kurs.“ Er kramt ein zerknittertes Stück
Papier heraus und rechnet vor: „1 US-Dollar entspricht 812,01
Simbabwe-Dollar. Minus 2,03 Dollar an Gebühren, macht 809 Dollar und 98
Cent.“
Ich versuche ernst zu bleiben. Draußen vor der Tür bekommt man heute
etwa fünfhundert Mal soviel. Ich lege einen US-Dollar auf die Theke und
der Mann am Schalter öffnet einen Schrank, holt mehrere Bündel mit
Scheinen zu je 100 Simbabwe-Dollar hervor - Scheine, die erst vor kurzem
neu gedruckt wurden, inzwischen aber wertlos sind - und findet zuletzt
sogar irgendwo noch eine Münze. Vor drei Monaten hatte man in Simbabwe
eine Währungsreform durchgeführt und zehn Nullen von den Geldscheinen
gestrichen. In grenzenlosem Optimismus wurden sogar Münzen ausgegeben.
Diese allerdings waren schon nach wenigen Tagen wieder aus den
Geldbeuteln verschwunden und heute übersteigt Ihr Materialwert ihren
Nennwert hunderttausendfach.
Zurück am Tatort lege ich dem Beamten einen Schein mit einem offiziellen
Wert von knapp 0,10 € und einer Kaufkraft von 0,02 Cent und die
Wechselquittung vor. Der Uniformierte schaut etwas frustriert drein,
versucht aber, Haltung zu bewahren und entschuldigt sich, er habe kein
Wechselgeld zur Hand. Großzügig überlasse ich ihm die 0,004 Cent als
Trinkgeld und er wünscht uns eine gute Fahrt.
Wieder nicht wirklich Ärger mit der Polizei. Eher ein Lehrstück über die
geradezu perversen Folgen einer Politik, die die Augen vor der
Wirklichkeit verschließt. Der Spaß war’s jedenfalls wert.