Von Wadi Halfa nach khartum
Hinter dem Horizont liegt Wadi Halfa. Ein paar Dutzend, meist
einstöckige Lehmziegelgebäude stehen ohne erkennbaren Plan auf einem
sandigen Stück Land wenige Kilometer von einer Bucht am Südende des
Nasser - Stausees als markierten sie das Ende der Welt. Kein Baum ist zu
sehen weit und breit und der Verpackungsmüll der aus Ägypten
importierten Konsumgüter weht im ewigen Wüstenwind.
Es gibt eine Hand voll einfache Hotels, die geben sich nicht viel. Ein
paar Bettgestelle aus Eisenohr, eine dünne, muffige Matratze auf einem
Rost aus Wäscheleinen, ein schmutziges Leintuch, ein schmieriges Kissen,
das alles auf nacktem Beton. Eine Glühbirne an der Wand, von
Sonnenuntergang bis gegen 11:00 Uhr nachts gibt's Strom. Danach kehrt
Ruhe ein, totenstill ist es in der Stadt. Bis es den Zimmernachbarn aus
der Koje treibt. Im Halbschlaf hört man ihn, wie er gegen die Türe
tritt, die, aus dünnem Blech, sich windet, blechern scheppernd sich
schließlich öffnen lässt, wie er im Hof noch eine Tür bearbeitet, wie
ihm der Atem stockt vom beißenden Uringestank und wie endlich dann sein
Strahl die Plastikkanne trifft, die in dem Plumpsklo liegt. Wie er ein
kleines Tier aufschreckt. Das springt aufs Zimmerdach, Sand rieselt aus
dem Schilfrohr auf die Pritsche. Den wäscht man sich am Morgen aus den
Augen, flockiges Wasser gibt's im Hof, aus einem aufgesägten Ölfass,
manchmal auch aus einem großen Plastiktank. Aber die Atmosphäre stimmt,
und vor dem Haus gibt's morgens Kaffee und Tee.
Einmal in der Woche erwacht Wadi Halfa, immer dann, wenn das Schiff aus
Ägypten kommt, dann sind sie für zwei Tage voll die Hotels, der Koch im
Restaurant am Eck schlachtet eine Ziege, es wird geschachert und
Schwarzgeld getauscht und die Taxifahrer mit ihren Landrover - Pickups
aus der Kolonialzeit stopfen sich die Taschen voll.
Die Einreiseformalitäten ziehen sich über mehrere Tage: Schon kurz nach
dem Ablegen in Assuan füllen wir Papiere aus, in Wadi Halfa kommen
sudanesische Grenzbeamte an Bord, führen mit
ein ausführliches
Gespräch, behalten die Pässe ein und teilen dafür Passierscheine aus. In
der Arrival Hall wiederholt sich die Prozedur und weil's so schön war
werden in einem kleinen Raum von gleich drei Beamten noch zweimal die
selben Fragen gestellt und die Antworten fein säuberlich in zwei große
Bücher eingetragen. Am nächsten Tag folgt die Registrierung bei der
Ausländerpolizei im Ort. Schließlich trifft auch das Frachtboot ein, das
unsre Fahrzeuge bringt. Das wird von Hand entladen, über Stunden
schleppen schwitzende Männer schwere Säcke, schließlich wird rangiert
und endlich eine Stelle gefunden, an der wir unsre Fahrzeuge vom Kahn
runter fahren können. Die Zollbehörde allerdings ist jetzt geschlossen.
Der dritte Tag im Land bringt weiteren Papierkrieg, zahlreiche Formulare
sind auszufüllen, ins Arabische zu übersetzen, Gebühren zu bezahlen,
Fahrzeugkontrollen zu absolvieren bis wir am Nachmittag dann endlich in
die Freiheit entlassen werden.
Noch in Assuan hatten wir Dirk und Karli kennen gelernt, zwei
Motorradfahrer aus Bayern auf dem Weg zum Kap. Später hatte sich dann
Peter dazu gesellt, in einem grünen Landcruiser J9 allein unterwegs nach
Kenia und schließlich Brit und Lieven, ein Paar aus Belgien in einem
blauen HZJ 75 L mit Dachzelt, die nach Namibia wollen. Gemeinsam hatten
wir es geschafft, ein Frachtboot aufzutreiben, gemeinsam hatten wir die
Bürokratie erledigt und machen uns nun voller Euphorie noch am gleichen
Tag zusammen auf den Weg nach Süden.
Die breite, zunächst harte Piste verlässt den Ort Richtung Nirgendwo und
nirgends steht ein Schild. Peter fährt voran, folgt ein paar Spuren in
den Weichsand. Schon steckt das erste Motorrad. Schwer beladen sinkt es
bis zur Hinterachse ein. Wir schaufeln, schieben, der Motor heult auf,
Dirk fährt, rutscht mit dem Vorderrad in eine tiefe Spur, das Zweirad
bäumt sich auf, fliegt durch die Luft, wirft den Fahrer ab in
hohem Bogen, bleibt schließlich stehen, die Räder nach oben. Dirk auf
dem Rücken daneben im Sand, graublau im Gesicht ringt er nach Luft und
stöhnt. Der Blutdruck normalisiert sich langsam, die Lippen werden
wieder rot und nach einer ersten groben Untersuchung helfen wir dem
Verletzten in einen Klappstuhl. Der erste Schreck verfliegt und schnell
sind wir uns einig: Es gibt nur einen Weg: zurück nach Wadi Halfa. Wir
sammeln die abgebrochenen Motorradteile ein, verteilen das Gepäck,
setzen Dirk in eines der Autos und Lieven steuert die Maschine zurück
zum Ausgangspunkt.
Auf der Pritsche im Hotel der untersuche ich Dirk sorgfältig und finde
zum Glück keine Hinweise auf schwerwiegende Verletzungen. Die Schmerzen
sind allerdings erheblich und der Schock sitzt tief und natürlich wird
der Gedanke diskutiert, die Reise abzubrechen. Ich versorge den Kranken
mit Medikamenten und wir verschieben die Entscheidung auf den nächsten
Tag.
Über 1000 km liegen vor uns bis nach khartum. Dort ist das erste
Krankenhaus wo eine Versorgung nach westlichen Standards möglich ist.
Die erste Hälfte der Strecke, die Piste nach Dongola, einer
Provinzhauptstadt am westlichen Nilufer, gehört dem Vernehmen nach zum
härtesten, was ein Motorradfahrer auf dem direkten Weg zum Kap zu
absolvieren hat. Schotter, Wellblech, nackter Fels, aber vor allem Sand
macht die Fahrt beschwerlich und gefährlich. Die Motorräder sind schwer
beladen, bringen mit Fahrer fast eine halbe Tonne auf die Waage. Aber:
die beiden wollen durch und wir, die Autofahrer, wollen Ihnen helfen.
So laden wir am nächsten Morgen das Gepäck auf und in die Autos, Dirk
überlässt Lieven den Motorradlenker und nimmt selbst auf dem
freigewordenen Beifahrersitz Platz. So schaffen wir gemeinsam die ersten
120 km, fahren auf einer schmalen aber gut erkennbaren Piste durch die
einsame, weitgehend vegetationslose Bergwelt östlich des Niltals und
entdecken am Abend ein breites trockenes Wadi mit einigen abgestorbenen
Tamarisken, wo wir unser Nachtlager aufschlagen. Schnell ist eine Plane
gegen den kalten Wüstenwind gespannt und im warmen Schein des
Lagerfeuers steigt die Stimmung: Wir schaffen das!
Am nächsten Morgen Szenenwechsel: ein blaues Band mit grünem Saum, davor
nur Stein und Fels, dahinter Sand bis an den Horizont: Das Niltal ist
erreicht. Die Menschen, die hier leben, sind Nubier, Angehörige eines
Volkes mit einer eigenen ethnischen und kulturellen Identität, einer
eigenen Sprache und einer wechselvollen Geschichte, abgesehen von
einigen Verwandten in der Gegend von Assuan die letzten die noch in
ihrer angestammten Heimat im Niltal leben (In den 1960er Jahren war ein
großer Teil ihres Stammesgebiets in dem riesigen Stausee verschwunden,
über den wir einige Tage zuvor in den Sudan gekommen waren, und die dort
lebenden Nubier waren umgesiedelt worden). Jetzt stehen sie vor den bunt
bemalten Toren ihrer großen Gehöfte und betrachten neugierig,
gleichzeitig aber auch mit der ihnen eigenen freundlichen Zurückhaltung
unsere seltsame Karawane. Sie haben viel Spaß daran, sich fotografieren
zu lassen, nehmen dankbar einige Geschenke für die Dorfschule entgegen,
besuchen uns an einem unserer Lagerplätze am Fluss, schenken uns
Datteln, Tomaten, Gurken und Melonen und einmal dürfen wir gar im Hof
eines Bauern unser Camp aufschlagen.
Wir bewegen uns langsam durch ihr schönes Land und so werden wir immer
wieder eingeholt von Daren, einem Engländer, der mit dem Fahrrad (!)
nach Südafrika unterwegs ist (und schließlich nur zwei Tage nach uns
khartum erreicht!).
Unser Toyota bewältigt die Piste nach Dongola ohne Schwierigkeiten und
wir haben, abgesehen von einem Loch im Wassertank, keine Schäden zu
vermelden. Der blaue Toyota von Lieven und Brit sandet zweimal ein, kann
sich aber aus eigener Kraft befreien und erreicht Dongola mit zwei
gebrochenen Stoßdmpfern. Für die Motorradfahrer ist die Piste harte
Arbeit, im weichen Sand stürzen sie immer wieder, bleiben zum Glück aber
bis auf einige blaue Flecken unverletzt. Am härtesten aber trifft es
Peter, der sich nach etwa zwei dritteln der Strecke von der Gruppe
getrennt hatte und ganz alleine zu einer größeren Runde in die Weiten
der Sahara westlich des Nils aufgebrochen war. Sein J9 bleibt,
Gott sei Dank schon wieder zurück in der Zivilisation, mit einem
Motorschaden liegen und das Fahrzeug muss die verbleibenden 550 km bis
nach khartum auf der Ladefläche eines Lkw zurücklegen.
Das Jahr hatte nicht gut begonnen für mich: Am Neujahrstag hatte mich
ein plötzlicher schrecklicher Schmerz im linken Arm beinahe
niedergestreckt, Dutzende von Tabletten, medizinische Einreibungen, eine
physiotherapeutische Behandlung und der Besuch des Krankenhauses der
evangelischen Mission in Assuan, wo mir weitere Pillen und lokale
Injektionen verabreicht worden waren, hatten kaum Linderung gebracht.
Ein befreundeter Neurologe hatte telefonisch die Verdachtsdiagnose eines
Bandscheibenvorfalls im Bereich der Halswirbelsäule gestellt, hatte aber
auch keine weiteren therapeutischen Optionen gesehen und so kann ich
auch jetzt, mehr als 14 Tage nach dem akuten Ereignis, immer noch nur
mit hoch gelagerten Kopf auf dem Rücken schlafen und meine linken Arm,
der schon deutlich dünner geworden ist, nicht gebrauchen. Eigentlich
hatten wir vorgehabt, von Dongola aus nach Osten aufzubrechen, um die
kulturellen Highlight des Landes zu besichtigen. Der Weg dorthin führt
durch die Wüste auf einer Piste, die dafür bekannt ist, dass auch
erfahrene Fahrer hier immer wieder einsanden. Nicht in der Lage, eine
Schaufel zu gebrauchen oder die schweren Sandbleche vom Auto
abzumontieren scheint uns dieser Plan jetzt doch einigermaßen riskant
und wir beschließen, die Motorradfahrer auf dem direkten Weg nach
khartum zu begleiten. Lieven und Brit haben eine Verabredung in
Äthiopien, sind deshalb etwas in Eile und fahren gleich am Tag nach der
Ankunft in Dongola weiter. Dirk ist nach einem weiteren Tag Pause wieder
so weit hergestellt, dass er seine Maschine selbst lenken kann und so
fahren wir jetzt nur noch zu viert weiter nach khartum. Die 550 km
lange Strecke ist landschaftlich wenig reizvoll und zu zwei dritteln
asphaltiert. So rollen wir nach einer weiteren Nacht im Busch, abgesehen
von zwei oder drei glimpflich verlaufenden Stürzen der Motorradfahrer
ohne nennenswerte Probleme, am Abend in der Hauptstadt ein.