Der Sklavenhandel spielt eine wichtige Rolle in der Geschichte des
Sudan und hat bis zum heutigen Tag einen erheblichen Einfluss auf die
Beziehungen zwischen dem Norden und dem Süden des Landes. Bei der
Betrachtung der aktuellen Situation muss die Sklaverei und deren
Geschichte daher zum Gegenstand der Diskussion gemacht werden. Außerdem
liefert das Thema in gutes Beispiel für die Komplexität der Problematik
im Sudan und zeigt, wie schwierig es ist, sich als Europäer eine Meinung
dazu zu bilden.
Seit pharaonischen Zeiten bereicherten sich die Königreiche und
Sultanate im Norden des heutigen Sudan am Handel mit der menschlichen
Ware aus dem Süden. Später waren auch Europäer beteiligt und als die
britischen Kolonialherren im ausgehenden 19. Jahrhundert dem schmutzigen
Geschäft ein Ende bereiten wollten, mussten sie bald einsehen, dass die
Wirtschaft des Landes in einem solchen Umfang vom Sklavenhandel abhängig
war, dass der sofortige Stopp zu einem ökonomischen Zusammenbruch
geführt hätte. Bis in die 1920er Jahre gab es Berichte über Sklaverei im
Sudan.
Im Zuge des Bürgerkriegs kam es erneut zur Sklavenjagd, schwerpunktmäßig
im Südwesten des Landes, einem Gebiet, in dem seit Urzeiten die Baggara,
arabische Kamelzüchter, und die Dinka, schwarze Viehhirten um Weideland
für ihre Herden streiten. Diese beiden Stämme hatten sie schon immer
gegenseitig Vieh geraubt und gelegentlich auch Geiseln genommen, die sie
bis zum Freikauf durch die jeweils andere Partei zu Zwangsarbeit
verpflichteten. Anfang der 1980er Jahre verloren die Baggara infolge
einer Dürre einen großen Teil ihres Bestands und füllten ihn in
gewohnter Manier bei ihren Nachbarn wieder auf. Zur selben Zeit begann
aber die Zentralregierung in khartum die Baggara mit Waffen
auszurüsten, um sie als Milizen in ihrem Krieg gegen den Süden
einzusetzen, so dass die Feldzüge gegen die Schwarzen an Grausamkeit
zunahmen und nicht im gewohnten Rahmen blieben. So raubten die Baggara
nicht nur Vieh, sondern entführten in großem Stil Frauen und Kinder, um
sie als Hirten und Haushaltsgehilfen einzusetzen. Sie gaben den
Gefangenen arabische Namen und versuchten, sie zu Muslims zu erzielen.
Obwohl die Regierung nicht direkt an dieser Sklavenjagd beteiligt war,
wurde diese Praxis doch unterstützt; schließlich waren die arabischen
Milizen eine potente Waffe gegen die Dinka, die ihrerseits die
Bürgerkriegspartei des Südens unterstützten. Während einer Hungersnot
1988 verkauften einige verarmte Dinkafamilien ihre Kinder mit dem Ziel,
sie in besseren Zeiten wieder zurück zu kaufen, eine Praxis, die auch
schon zu friedlicheren Zeiten üblich war, die aber dazu beitrug, dass
viele Sudanesen die Existenz der Sklaverei völlig in Abrede stellten.
Die Ansicht, dass ein Sklave in dem Moment, in dem er in die Familie des
Sklavenhalters integriert und zum Islam konvertiert war, kein Opfer mehr
war sondern zu einem Teil der Familie seines Peinigers wurde, war weit
verbreitet.
1999 rief die Regierung, unterstützt von UNICEF und SAVE THE CHILDREN,
das „Komitee für die Ausrottung der Entführung von Frauen und Kindern“
(CEAWC) ins Leben, durch das einige Opfer befreit und sichere Korridore
für deren Rückführung in die Heimat geschaffen werden konnten.
Während der Bürgerkrieg in der westlichen Welt weitgehend ignoriert
wurde, wurde der Existenz der Sklaverei schon deutlich mehr Beachtung
geschenkt. Besonders christliche Gruppierungen taten sich damit hervor,
die ganze Problematik auf einen Religionskrieg zu reduzieren. Nachdem
Abordnungen der Dinka über Verträge mit den Baggara schon vorher erste
Erfolge bei der Befreiung von Opfern zu verzeichnen hatten, begannen
1995 verschiedene ausländische Organisationen damit, Sklaven frei zu
kaufen, machten eigene Verträge und bezahlten bis zu 50 US-Dollar pro
Kopf an Mittelsmänner. Menschenrechtsorganisationen HUMAN RIGHT WATCH
und ANTI-SLAVERY INTERNATIONAL, die schon seit dem 19. Jahrhundert gegen
die Sklaverei aktiv sind, haben dieses Vorgehen scharf kritisiert und
bemerkt, der Freikauf von Sklaven befreie zwar einzelne Individuen,
ignoriere aber die Wurzeln der Problematik. Die Freikäufer wurden sogar
der Komplizenschaft bezichtigt, trieben sie doch die Preise in die Höhe
und trügen so sogar zu einer Ausweitung des Sklavenjagd bei.
Traditionelle Ansätze zur Konfliktlösung würden unterminiert.
Die Praxis des Freikaufs von Sklaven ließ in der Tat neue
Geschäftszweige entstehen. In 2002 wurde aufgedeckt, dass Kinder die man
meinte freizukaufen, gar keine Sklaven waren, sondern nur für ein
schnelles Geld an die Hilfsorganisationen „verkauft“ wurden. Sogar
Offiziere der südsudanesischen Befreiungsarmee partizipierten, indem sie
einheimische Kinder als Sklaven präsentierten. Trotzdem werden durch
ausländische Organisationen weiterhin Freikäufe finanziert.
Sklaverei bleibt ein chronisches Problem in Sudan. Der Waffenstillstand
und die jüngsten Friedensabkommen haben wohl zu einem Ende der Überfälle
geführt, aber die Rückführung der Betroffenen in ihre Heimat, wo sie oft
ohne jegliche Infrastruktur und ohne adäquate medizinische Versorgung in
Lagern leben müssen, und die Wiederherstellung des gegenseitigen
Vertrauens wird noch Jahre dauern…
khartum im Januar 2007. Niedergeschrieben nach ausführlichen Gesprächen
mit zwei Mitarbeitern der Internationalen Eingreifstruppe im
Darfur und einem Dinka, der, vor dem Bürgerkrieg geflohen, heute in
khartum lebt. Als Vorlage diente ein Text in „Sudan. The Bradt Travel
Guide“, England 2005