Tunesien - Douz - Touzeur - Nefta - Tamerza - Mides - Gafsa - Djerba

Und so stehen wir am Ende wieder vor einem neuen Anfang und treffen
mit schwerem Kopf Reisevorbereitungen...
Eigentlich hatten wir uns nach Osten wenden und uns die verbleibenden 12
Tage in Tunesien langsam zur libyschen Grenze vorarbeiten wollen. Doch
schnell sind die Pläne umgeschmissen und wir machen uns auf nach Westen,
um den Chott el Djerid zu überqueren. Nach der Erzählung eines
arabischen Historikers verschwand im 14. Jahrhundert eine Karawane mit
1000 Kamelen samt Treibern spurlos im tückischen Salzsumpf. Auch Karl
May schildert in seinem Roman "Durch die Wüste“ die tödlichen Gefahren,
die unter der trockenen Salzwüste dieser abflusslosen Senke lauern.
Heute überquert man den Salzsee gefahrlos auf einer gut ausgebauten
asphaltierten Straße. Die Faszination indes ist geblieben: endlos
breitet sich die Ebene in alle Richtungen aus, gibt dem Geist Raum und
das Bewusstsein der eigenen Nichtigkeit und verschmilzt am Horizont mit
dem wolkenlos Blau des Himmels über der Wüste.
Hinter dem Horizont liegt Tozeur: die für ihre Lehmziegelarchitektur
bekannte Stadt war mir von einem Besuch vor etwa 15 Jahren noch als sehr
orientalisch, geheimnisvoll, fast mystisch in Erinnerung. Heute
präsentiert sich Tozeur sehr touristisch: ganze Straßenzüge werden von
Souvenirgeschäften beherrscht und jedes Kind beherrscht perfekt das
kleine Einmaleins des Touristenanbettelns: "Donnez moi un stylo! Donnez
moi un bonbon! Donnez moi un Dinar!“. In immer der gleichen Reihenfolge
werden die paar Brocken Französisch dem reichen Europäer vorgetragen.
Dem Erhalt der einzigartigen Bausubstanz mag der Devisenbringer
zuträglich sein, den Erhalt der Tradition sicherlich nicht: der
Djellabah, das traditionelle Männergewand, das sonst auf dem Land noch
das Straßenbild prägt, ist weitgehend verschwunden. Stattdessen trägt
man Jeans, T - Shirt und Turnschuhe. Und die sonst überall erlebte
freundliche Zurückhaltung der Einheimischen ist dem fordernden Auftreten
der Kinder gewichen.
Etwas beschaulicher zeigt sich das benachbarte Nefta. Hier verbringen
wir noch eine Nacht und haben vor am nächsten Tag den Chott im Süden zu
umfahren und unsere Tour, wie vorher geplant, nach Osten fortzusetzen.
Spät am Abend lernen wir zwei Franzosen kennen. Die geben uns fünf
Koordinaten, die grob eine etwa 160 km langen Tour um den im Norden von
Nefta gelegenen Chott El Gharsa beschreiben. Pisten finden wir auf
keiner Karte. Das klingt nach Abenteuer und so finden wir uns am
nächsten Morgen wieder abseits der Straßen, dort wo unser Toyo (er hat
uns immer noch nicht seinen Namen verraten) hingehört.
Fahrerisch bietet die Tour dann doch nicht die große Herausforderung und
die einzelnen kleinen Sanddünen meistern wir dank Toms Fahrschule ohne
Probleme. Dafür schütteln wir Beduinen die Hände, finden das völlig
ausgebleichte Skelett eines Dromedarsund üben uns in Navigation. An
mehreren Stellen nähern wir uns der algerischen Grenze bis auf wenige
Meter und passieren zwei festungsartige Grenzkontrollpunkte. Der
Wachposten, die Kalaschnikow locker umgehängt, ist vielleicht 20 Jahre
alt. Nach den Fragen zum Woher und Wohin werden freundlich Hände
geschüttelt. Ein Vorgesetzter mahnt uns aber dann doch, nicht noch
einmal in dieses Gebiet zu fahren: "Grenzprobleme mit Algerien ".
Näheres erfahren wir nicht.
Landschaftlich bleibt die Strecke recht eintönig, so dass wir am dritten
GPS - Punkt erneut die Pläne ändern: die berühmten Bergoasen sind nicht
mehr weit und wir navigieren problemlos nach Chebika. Ein Bergbach
tränkt in dieser Einöde einen geradezu paradiesischen Palmengarten und
beim Durchstreifen der Ruinen des alten Ortes können wir sehr gut
nachvollziehen, warum dieser Flecken schon zu Urzeiten besiedelt war.
Neben der heute gut ausgebauten Straße weiter in die Berge sehen wir
Reste der Piste, die die Truppen Rommels im Zweiten Weltkrieg zur
Sicherung der algerischen Grenze hier angelegt hatten und finden im
Garten eines Restaurants einen Stellplatz für die Nacht. Die Oasen
Tamerza und Mides sind noch spektakulärer als Chebika und so streifen
wir bis zum Nachmittag des Folgetages durch die bizarre Landschaft,
bevor wir uns schließlich doch nach Westen aufmachen.
Gafsa wird selten von Touristen besucht. Wir schlendern durch die Gassen
der Medina, spähen durch eine offene Türe in einen Innenhof und fragen
um die Erlaubnis zu fotografieren. Gleich finden wir uns im Kreis der
Familie auf zwei Plastikhockern sitzend, zwei Tassen starken, süßen
Mokkas schlürfend. Jallouli Yahiaoui ist etwa 65 Jahre alt und Vater von
sieben Kindern. Der Jüngste wohnt noch zuhause, besucht die sechste
Klasse der Grundschule und präsentiert stolz seine Auszeichnungen.
Nächstes Jahr wird er aufs Gymnasium wechseln, später Ingenieur werden,
und, wie wär's, könnten wir ihn nicht mit nach Deutschland nehmen… Wir
rauchen eine Zigarette mit dem Mann, während die Frau in der Küche
verschwindet und wenig später einen Teller Fleisch, Kartoffeln und
Zwiebeln in scharfer Soße kredenzt. Sogar zwei Gabeln und ein Messer
werden hervorgekramt. Wir tunken gemeinsam mit dem Vater das Weißbrot in
die Sauce, während ein lockeres Gespräch in gebrochenem Französisch
entsteht. Obendrauf gibt es noch einen handgemachten Topf aus verzinktem
Blech als Geschenk an die Gäste aus dem Abendland und wir revanchieren
uns mit einem Spielzeug - Lkw aus unserer Schatzkiste. Dem Sohn des
Hauses fällt es schwer seine Freude zu verbergen. So werden wir Zeuge
der viel gerühmten orientalischen Gastfreundschaft in dieser angenehmen
Stadt.
Auf Djerba wollen wir uns nun ein paar Tage entspannen und finden
einen Stellplatz direkt am Meer auf dem Campingplatz von Aghir. Wieder
überspannt ein grandioser Sternenhimmel die Kulisse und schade, dass man
nicht verraten darf, was man sich beim Anblick einer Sternschnuppe
wünscht -und sei es nur, dass alles so bleibt, wie es ist…