Dass wir auch nie einfach da lang fahren können, wo alle lang fahren.
Eben waren wir noch durch eine der schönsten Landschaften Kenias
gerollt. Auf einer der besten Asphaltsstraßen des Landes. Wir waren vom
Lake Bogoria über zwei Pässe hinunter nach Eldoret gekommen. Von dort
wäre es ein Katzensprung gewesen hinüber nach Uganda. Aber da hatten wir
auf der Karte einen Grenzübergang entdeckt. Abseits der Hauptstraße.
Über den steht in keinem Reiseführer was. Ganz nach unserem Geschmack.
Und genau da, wo die Asphaltstraße endet, hatte es zu regnen begonnen.
Die Piste war schmierig geworden, glatt wie Eis, und wir waren hinunter
geschlittert zu dieser Brücke. Und jetzt stehen wir da vor einem
verwitterten Schild auf dem steht: „You are now entering Uganda“.
Wir legen die dicken Stiefel an und waten im strömenden Regen durch
knöcheltiefen Schlamm. Die kenianischen Grenzer sind freundlich und
lachen: “Long Safari“ und „German is a tough language“. Dann geht der
Schlagbaum auf. wir rutschten an einer Rundhütte vorbei und schlingern
eine Anhöhe hinauf, irgendwelche Gebäude, die irgendwie offiziell
aussehen, sind aber nirgendwo zu entdecken. Wir steigen aus dem Wagen
und stapfen zurück Richtung Schlagbaum. Ein kleiner Junge zerrt eine Kuh
durch einen reißenden Bach und da deuten alle hin: „ Da müsst ihr rüber,
da drüben ist die Passbehörde“. Einer in Gummistiefeln zeigt uns einen
Tritt im Wasser: „Kein Problem, wenn ihr hier drauf steht könnt ihr mit
einem Satz rüberspringen“, meint er. Der Schlamm hat die Farbe
menschlicher Exkremente und auch in etwa eine solche Konsistenz und der
klebt jetzt zentimeterdick an unseren Schuhsohlen. Tanja findet keinen
Halt und bleibt zurück, aber der Grenzbeamte verzichtet darauf, sie
persönlich zu sehen und mir gelingt es schließlich, trockenen Fußes mit
gestempelten Pässen wieder auf der Piste zu stehen.
Hinauf zur Zollbehörde müssen wir einen kleinen Berg erklimmen, aber die
Ziegen machen uns vor, wie das geht, und da bleibt nur noch das Problem,
dass die Gebühren zwar in Dollar ausgewiesen sind, jedoch nur
Landeswährung akzeptiert wird. Also ins Dorf, einen Schwarzhändler
suchen. Und den gibt’s da auch. Sonst handelt er mit Musikkassetten und
getrockneten Bohnen, aber die Geschäfte gehen nicht gut, gibt es hier
doch keinen Strom und erst recht hat niemand einen Kassettenrecorder und
die bevorzugte Speise ist gekochtes Maismehl. Aber er hat einen
Taschenrechner und wir werden uns rasch einig und gegen Bares gibt's
dann auch bald den Stempel ins Carnet.
Wir kennen die Koordinaten eines Campingplatzes bei den Sipi Falls im
Nordwesten des Mt. Elgon, aber unser GPS Gerät zeigt noch 43 km bis
dorthin, es ist spät geworden, es regnet immer noch und das Gelände
sieht recht bergig aus, so dass wir mit mindestens 70 Pistenkilometern
rechnen bis dorthin, und so beschließen wir, hier in Suam bei der Grenze
die Nacht zu verbringen. Wir parken im Innenhof einer Herberge am Weg
und stillen unseren Hunger mit gekochtem Ziegenfleisch und Pfannkuchen
im fahlen Licht einer Gaslaterne.
Wir haben Glück. In der Nacht tröpfelt es nur ein wenig und als wir am
frühen Morgen aufbrechen, scheint die Sonne. Die Piste allerdings ist
natürlich noch nicht abgetrocknet und so schleudern wir von einem
Schlammloch ins nächste und immer wieder droht der Wagen in den Graben
neben der Piste zu rutschen. Angst ist bekanntlich ein schlechter
Ratgeber und so lerne ich bald, in solchen Situationen lieber das
Gaspedal als die Bremse zu betätigen.
Die Landschaft ist traumhaft schön, wundersam geformte Bergkegel
bestimmen das Bild, es grünt und blüht, zahlreiche Wasserfälle sind zu
bestaunen und immer wieder öffnen sich spektakuläre Ausblicke ins Tal.
Die Menschen am Weg lachen und geben freundlich Auskunft, die Kinder
winken und rufen, halten aber stets Distanz und niemand bettelt.
Die Piste wird schlimmer. Sie führt hinab ins Tal, denselben Weg, den
das Wasser nimmt, und immer wieder gerät das Auto in gefährliche
Schräglage, neben uns der Abgrund. Tanja verliert die Nerven, müssen wir
doch in zwei Tagen in Entebbe sein, um dort Jana zu treffen. Immer
wieder steigt sie aus und geht zu Fuß, während ich versuche, die Räder
in einer Spurrille zu halten. Es folgen zwei Kehren, die sind so eng,
dass ich den Wagen in mehreren Schritten um die Ecke lenken muss, dann
geht's steil bergab. In der Senke dann das Ende: Zwei Lkw haben sich
dort eingegraben. „Seit gestern sitzen wir hier fest“, sagen die Fahrer,
„und wir haben wenig Hoffnung, dass wir heute noch hier wegkommen“. Das
ganze Dorf ist auf den Beinen, es wird geschaufelt, geschoben und
gezogen, doch die schweren Fahrzeuge gewinnen keinen Zentimeter. Wenn
wir da durch wollen, müssen wir vorbei. Durchs Maisfeld. Da sieht's noch
schlimmer aus, der Schlamm ist bodenlos und die Abfahrt am Ende so stark
geneigt, dass der Wagen sicherlich umfallen würde.
Aber was hilfts. Etwa die Hälfte der Strecke schafft unser Toyo aus
eigener Kraft. Dann geht nichts mehr. Die Räder wühlen sich bis zur
Achse in den Morast. Und nirgendwo ein Ankerpunkt für unsere Winde.
Die
Leute geben wirklich alles. Doch mehr als 20 cm sind nicht drin. Wir
legen die Sandbleche unter. Da gibt's mal wieder Halt für einen Meter.
Die Sandbleche ausgraben und nochmal und nochmal und nochmal. Meter für
Meter. Dann stehen wir auf festerem Grund. Jetzt nur noch die Abfahrt.
Ich entscheide, durchs Maisfeld weiterzufahren. Ein Stück später sieht's
weniger gefährlich aus. Noch mit dem Bauern verhandeln, wegen des Felds
und es klappt: Die ausgeguckte Schräge erweist sich als befahrbar und
wir sind wieder auf der Piste.
Jetzt wittert der Fahrer des vorderen Lkw seine vielleicht letzte
Chance. Also steuern wir den Toyo wieder rein in den Schlamm. Ein
Stahlseil wird angehängt, erster Gang Untersetzung und volle Kraft
voraus. Der Lkw bewegt sich keinen Zentimeter. Da ist nichts zu machen,
da ist Schaufeln angesagt. Der Fahrer sieht es ein und lässt uns ziehen.
Fünf Stunden sind wir nun unterwegs, die ersten 30 km sind geschafft.
Dankbar zahlen wir den Dorfbewohnern einen fairen Lohn, fahren ein paar
Mal über die verbogenen Sandbleche, damit wir sie wieder am Auto
befestigen können und lassen uns schließlich breitschlagen, zwei Männer
mitzunehmen in die nächste Stadt. Die Piste bleibt schwierig, aber ich
habe schon einiges dazugelernt und wir kommen zügig voran. Dumm nur,
dass einer der beiden immer wieder kotzen muss. Am Anfang halten wir
noch an jedes Mal doch bald drängt die Zeit, stehen doch dunkle Wolken
am Horizont und wenn es hier anfängt zu regnen, dann gnade uns Gott.
Aber der hat ein Einsehen und es tröpfelt nur ein wenig und wir trauen
unsern Augen kaum als wir nach weiteren drei Stunden Schlammschlacht
nach insgesamt 80 km die Asphaltstraße erreichen. Jetzt nur noch die
Kotze aufwischen und dann ein kühles Bier…