Das ganze Tal dampft. Es sind nicht nur die heißen Quellen von Sempaya, die
man von hier oben dampfen sehen kann. Die holprige Allwetterpiste, auf der wir
fahren, schlängelt sich am Nordrand des Ruwenzori – Gebirges (das hier die
Grenze zwischen Uganda und der Demokratischen Republik Kongo bildet) entlang und
immer wieder gibt eine Lücke im dichten Blätterwald den Blick frei auf die
unendlichen Weiten des Kongobeckens mit seinem undurchdringlichen Dschungel. Und
da brennt jetzt die Tropensonne drauf.
Irgendwo dort sind sie zuhause, die Pygmäen vom Stamm der Batwa, aber jetzt
wohnen sie hier in einer kleinen Siedlung aus Stroh und Lehm und
Wellblechdächern, und die Tänze, die sie gerade uns zu Ehren aufführen, sind gar
lustig anzuschauen.
Vor dem Bürgerkrieg im Kongo habe man sie retten müssen und vor den wilden
Tieren und überhaupt „sind sie schließlich auch Menschen“, erklärt uns Sam, der
Manager des Projekts. „Und außerdem, wo die gewohnt haben, das war so weit
draußen im Wald, da wären ja gar keine Touristen hingekommen“. Eine Sekretärin
hat er zur Seite und die sitzt in einem gemauerten Haus neben der Piste. Vor der
Tür steht ein Notstromaggregat, daneben auf einem Hocker ein Telefon und drinnen
ein Computer. Das ist das „Büro des Königs der Batwa“. Hier wird jeder Besucher
erfasst. Der letzte vor uns war vor 10 Tagen da.
Die Menschen im Dorf sind wirklich erstaunlich klein, reichen uns kaum bis zur
Brust. Auffällig nur die vielen Kinder, die sind fast so groß wie ihre Mütter.
„Das sind Mischlingskinder“, erläutert Sam. „Die hier lebende Bevölkerung
glaubt, Sex mit einer Pygmäen Frau heile alle Leiden“. Und so zieren zahlreiche
Plakate die Wände des Büros, die den Zusammenhang zwischen ungeschütztem
Geschlechtsverkehr und Aids erläutern, aber wir finden keines, was über die
Unsinnigkeit eines solchen Aberglaubens aufklärt. „Aber die Pygmäen hier sind
gut integriert, werden von den anderen beiden Ethnien in dieser Gegend
akzeptiert und werden nicht mehr diskriminiert wie früher im Wald“, ergänzte er.
„Sie sind glücklich, dass wir sie gerettet haben“.
Feduel ist Anfang 20 und vielleicht 1,40m groß. Er schielt stark wie viele der
Menschen hier im Dorf. Er trägt ein abgewetztes hellgrünes T- Shirt und eine
zerlumpte Hose. Schuhe trägt Feduel keine und auch nicht den lächerlichen
Federschmuck seiner Väter. Stolz zeigt er uns seine Hütte: „Weiße Männer aus der
EU haben die gebaut“, erklärt er, doch für eine Antwort auf unsere Frage, in was
für Häusern sie denn früher gelebt und ob sie diese denn nicht selbst gebaut
hätten, reicht angeblich sein Englisch nicht. Aber er kann noch mehr erzählen:
„1985 sind wir aus dem Kongo gekommen. Da war Krieg. Da haben wir uns im Bwamba
– Wald niedergelassen. 1995 hat man uns da raus geholt. Ist schließlich ein
Nationalpark, und da dürfen nur Tiere wohnen“. Schön, wie er das wiedergeben
kann, was man ihm beigebracht hat. Die Pygmäen habe keine eigene Sprache
(sondern verständigen sich in der Regel in den Sprachen ihrer Nachbarn, mit
denen sie traditionell Tauschhandel treiben) und erst recht ist nicht bekannt,
dass sie einen Kalender benutzen würden, oder dass es gar eigene Aufzeichnungen
über ihre Geschichte gebe und die Worte, die Feduel wählt, sind denen des
Managers erstaunlich ähnlich. „Ich bin froh, dass wir da raus sind aus dem
Wald“, meinte er und fügt hinzu: „Ich hasse wilde Tiere“. Er verschwindet im
Dunkel seiner Hütte und kommt mit einer primitiven Waffe zurück. „Das habe ich
von meinem Vater. Damit konnte der sogar Elefanten töten. Könnt Ihr kaufen, wenn
ihr wollt. Ich brauche das Ding ja nicht mehr.“
Ob hier wohl alle so denken? Gerne hätten wir mit dem König gesprochen. Aber der
König der Batwa ist nicht zuhause. Er ist nicht mehr zuhause in den Wäldern von
Bwamba. Aber auch in seinem Büro ist er nicht. Der König der Batwa ist in
Kampala. Dort besucht er ein Seminar. Da lernt er, wie unsere moderne
Zivilisation funktioniert…