Wie lange sie an einem Ort verweilen, wissen sie vorher selbst nie so
genau: Die Flitterwöchner Tanja und Bernhard Kiesow touren durch Afrika.
Per Jeep vom Leintal nach Südafrika
Von Jens Dierolf
Leingarten - Manche verbringen ihre Flitterwochen im Schwarzwald,
andere auf den Seychellen. Die Leingartener Tanja und Bernhard Kiesow
verbringen sie vor allem unterwegs - auf einer Tour vom Leintal nach
Südafrika. Mit ihrem Toyota Landcruiser sind die beiden im Oktober
aufgebrochen. Und eigentlich stand die Reise schon fest, bevor sie
überhaupt an eine Hochzeit dachten.
Aber der Reihe nach: Die erste Frage, als sich das Paar im März 2000 in
einem Heilbronner Biergarten kennen gelernt hat, soll folgende gewesen
sein: „Kannst du dir vorstellen, mit mir ’mal auf eine lange Reise zu
gehen?“ Bernhard Kiesow (heute 46) ist Internist in Nordheim, sie (36)
Erzieherin in Leingarten. Sofort verlieben sie sich ineinander.
Gemeinsam erkunden sie die Welt. Thailand, die Türkei, Costa Rica,
Panama, Kambodscha, Namibia. Die Reisen sind auch ein Beziehungstest.
Sie bestehen ihn.
Im Herbst 2004 ziehen sie in eine gemeinsame Wohnung in einem
Aussiedlerhof in Nordheim. Als Tanjas Tochter Jana mit ihrer Ausbildung
beginnt, konkretisieren sich die Pläne für die Reise. Bernhard Kiesow
verkauft im Frühjahr seine Praxis, dann steht fest: Es geht los. „Ihr
solltet verheiratet sein, bevor ihr euch auf die lange Reise macht“,
kommt der Einwand einer Freundin. Gesagt, getan. Die Hochzeit im August
2006 ist gleichzeitig die Abschiedsparty
.
Das organisierte Leben in Deutschland lassen sie hinter sich. Wie viele
Pflichten der Alltag hierzulande bringt, wird ihnen schon vor der Fahrt
bewusst. Visa beantragen, Krankenversicherung suchen, Verträge auflösen.
„Der Verkauf einer Arztpraxis ist fast so aufwändig wie eine
Existenzgründung“, schreibt Bernhard Kiesow später aus einem
Internetcafé irgendwo in Äthiopien.
Schweiz und Italien sind die ersten Stationen. Per Schiff geht es auf
den afrikanischen Kontinent. Dreieinhalb Wochen Tunesien, eine Woche
Libyen, siebeneinhalb Wochen Ägypten, dreieinhalb Wochen Sudan. Seit
Februar sind die frisch Vermählten nun in Äthiopien. Wo es ihnen
gefällt, wollen sie länger bleiben. Einen strengen Zeitplan gibt es
nicht. Wer mit den beiden nun Kontakt aufnimmt, muss sich ihrer
Reisegeschwindigkeit anpassen, ins Internet kommen sie nur unregelmäßig.
Aber wenn sie in einem größeren Ort sind, schreiben sie fleißig E-Mails
und führen auf einer Homepage ein Reisetagebuch. Das hilft ihnen dabei,
die vielen Eindrücke zu verarbeiten.
Denn das, was sie erleben, hat mit exotischer Reiseromantik oft wenig
gemeinsam. „Give me“ (Gib mir) sind häufig die Begrüßungsworte für die
Fremden aus dem reichen Europa. Die politische Situation ist manchmal
mehr als unübersichtlich. Einige Bücher über die Länder, die sie nun
bereisen, haben sie vor ihrer Abfahrt gelesen. Bei den bisherigen
Fernreisen hätten sie ein Gespür für gefährliche Situationen entwickelt,
schreiben sie. Welche Gegenden sie besser meiden, sagen ihnen
Gleichgesinnte, die sie treffen. Ein Blick auf die Sicherheitshinweise
auf der Webseite des Auswärtigen Amtes gehört vor dem Grenzübertritt zum
Pflichtprogramm. Doch die positiven Erfahrungen überwiegen.
Atemberaubende Landschaften, Wüsten, Vulkane, Freundschaften, die mit
anderen Reisenden entstehen, Einladungen von Familien, bei denen sie
übernachten, interessante Gespräche, die von Kindern gebrochen ins
Englische übersetzt werden.
.
Internet-Diskussion Sich die einheimische Kultur bei einem Urlaub im
eingezäunten Hotel beim Buffet präsentieren zu lassen, ist nicht die Art
von Reise, wie sie sich Bernhard und Tanja Kiesow wünschen. Die
Grenzformalitäten in einer Lehmhütte, umgeben von gackernden Hühnern,
und bei einer Tasse Kaffee zu erledigen, ist einprägsamer.
Viel schreiben sie auf ihrer Internetseite von den intensiven Eindrücken
und über das Hinterfragen eigener Denkweisen. Auch in dem
Diskussionsforum ihrer Homepage wird über die Motive einer solchen Reise
debattiert. Ein Beitrag beschreibt es trocken: „Es geht um das
Wohlergehen des eigenen Ichs - fährt man nun durch Afrika oder knabbert
eine Tüte Chips.“ Tanja und Bernhard Kiesow beantworten die Frage nach
ihren Motiven schlicht mit einer Gegenfrage: „Was kann es für einen
Grund geben, eine solche Reise nicht zu unternehmen?”
Bernhard und Tanja Kiesow haben ihre große Afrikatour für sechs Wochen
unterbrochen, um Tochter Jana, Freunde und Familie zu besuchen.
Foto: Ulrike Kugler
Eine Fahrt durch die Zeit
Ehepaar Kiesow besucht Freunde und Familie in der alten Heimat
Von Angela Groß
Die Zeit tickt anders in Afrika, auf die Minute kommt
es dort nicht an. Nach 15 Monaten unterwegs, elf afrikanischen Ländern
und 35 000 Kilometer mehr auf dem Tacho, stellten Bernhard und Tanja
Kiesow ihren Landcruiser in Malawis Hauptstadt Lilongwe ab, flogen für
einen Zwischenstopp hierher zurück, um Familie und Freunde in die Arme
zu schließen.
Es hat nicht besonders lange gedauert, bis die beiden wieder auf
deutsche Zeit getaktet waren. Kaum gelandet, hatten sie genau drei
Minuten, um ihren Anschlusszug zu bekommen. „Wir mussten wieder lernen,
was eine Minute ist“, sagt Bernhard Kiesow, „der Rhythmus in Afrika ist
ein ganz anderer“.
Die neue Zeitrechnung hat für Kiesows an jenem 10. Oktober 2006
angefangen, als sie aus ihrer bisherigen Spur ausscherten. Ihre Wohnung
in einem Aussiedlerhof in Nordheim tauschten sie gegen ein rollendes
Zuhause, einen Toyota Landcruiser, ein. Der Internist, der viel Zeit und
Arbeit in den Aufbau seiner Praxis in Nordheim investiert hatte,
verkaufte alles. Sie suchte für ihre Tochter Jana (damals 19) eine
Wohnung und verabschiedete sich von ihrem Kindergarten in Leingarten.
Offen für Neues, bereit, das Alte hinter sich zu lassen, so sind sie
abgeflogen und sie denken immer noch so. Wenn das Kapitel Afrikareise
eines Tages geschlossen ist, werden sie das nächste aufschlagen.
Neuanfang in Deutschland? Im Ausland? „Irgendetwas wird sich ergeben.
Man kann alles regeln“, sagt Bernhard Kiesow, „egal wie es kommt, es
geht weiter“, ergänzt seine Frau. Reisen, wie die Kiesows, langsam, von
Ort zu Ort, sich in Ruhe alles anschauen zu können, das geht nur ohne
Rückflugticket. „Es sind oft die interessantesten Orte, die nicht im
Reiseführer stehen“, sagt der Arzt. Besonders beeindruckt hat ihn die
Fahrt von Äthiopien nach Kenia, am Turkanasee entlang. Dort leben viele
Völker sehr traditionell. In Kontakt mit dem Fremden zu kommen, das
fällt ihnen nicht mehr schwer. Langsam, sich vorsichtig nähern – „nicht
reinplatzen“, so machen sie es. Dann ergeben sich Begegnungen, bitten
immer wieder Menschen in ihre Häuser und teilen ihre Zeit mit den Weißen
aus Europa. Verrückte Sachen sind passiert. In einem Massai-Dorf wurden
Kiesows etwa aufgefordert, einem Neugeborenen einen Namen zu geben.
Spontan entschieden sie sich in dem christlichen Umfeld für Maria.
Und Äthiopien, dieses ostafrikanische Land. Überraschend bergig, grün,
fruchtbar, hat es ihnen besonders angetan. Ein Land voller
Überraschungen, das „ganz anders ist als man es sich vorstellt“, sagt
die Erzieherin. Das Interesse der beiden geht über das von Otto
Normalurlauber hinaus, sie wollen „wissen, wie ein Land funktioniert“.
Unterwegs die Tageszeitungen zu lesen, Kontakte zu Einheimischen und
anderen Reisenden zu knüpfen, sich im Internet über Unruhen und
Konflikte zu informieren, ist Tagesgeschäft. Was sie erleben, wird
verarbeitet – in flott geschriebenen Reiseberichten und aufregenden
Fotos, die im Internet (http://www.hinter-dem-horizont.net)
mittlerweile eine Fangemeinde haben. Über die Zukunft des schwarzen
Kontinents und seine Menschen gibt es nicht „viel Optimistisches zu
berichten“. Gewaltig die Probleme, die sich keinesfalls durch
Entwicklungshilfe lösen lassen. Viele, viele Gedanken haben sie sich
über die fremde Unterstützung gemacht. Grob vereinfacht, kommen sie zu
dem Schluss, dass „Entwicklungshilfe nicht nur nichts hilft, sondern
schadet. Die Eigeninitiative wird unterdrückt“, sagt der Arzt.
Einerseits.
Andererseits haben sich für sie Vorurteile bestätigt, die sie eigentlich
widerlegen wollten. Die Sache mit der Mentalität. „Viele Menschen in
Afrika haben nie gelernt, Verantwortung zu übernehmen“, sagt Tanja
Kiesow. Bedrückung. Zorn. Traurigkeit. Diese Gefühle beschleichen die
beiden gelegentlich, wenn sie sehen, wie Dinge verrotten, die mit
einfachen Mitteln zu reparieren wären. Wenn sie sehen, dass es an den
elementarsten Strukturen fehlt, die notwendig sind. Bildung etwa. Am 11.
Januar geht es wieder zurück, in die andere Zeit. Mosambik, Südafrika,
Swasiland, Lesotho, Namibia, Botswana, Sambia.
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